
In der Psychologie ist man schon seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts der Ansicht, dass man keinen Patienten behandeln kann, wenn man nicht seine ganze Geschichte kennt. Das Gleiche gilt genau genommen auch für die Medizin, wenn man die Ursache und nicht die Symptome behandeln wollte. Es gibt seit 1900 viele interessante Entwicklungen in der Musik, davon stufe ich zwei als herausragend ein. Zuerst den Einfluss der Nationalsozialisten auf unserem Umgang mit der Musik, und dann der Klavierboom, der gerade in China stattgefunden hat. Die erste Entwicklung hat dazu geführt, dass wir heute die Musik als ein sogenanntes Paralleluniversum erleben. Die Alte Musik und die Zeitgemäße Musik haben jeweils ein Eigenleben. In beiden Universen leben Menschen, die in der Regel nichts vom anderen Universum wissen und es vorsichtshalber auch nicht wertschätzen. Die mangelnde Wertschätzung der Zeitgemäßen Musik ist ursächlich begründet durch eine willkürliche Einteilung der Musiker durch die GEMA. Diese verteilt die Einnahmen zu einem höheren Anteil an die Vertreter der E-Musik, übersetzt der Ernsten Musik, und zu einem geringeren Anteil an die Musiker der U-Musik, gemeint ist die Unterhaltungs-Musik. Dafür verantwortlich ist als Gründer und aktives Mitglied der Alten Musik der bekannte Komponist Richard Strauss, der auch zuerst der Präsident der Reichsmusikkammer der Nationalsozialisten war.
Mein Leben verlief bislang so, dass ich in beiden Universen unterwegs bin und über die beiden Seiten der Musik relativ viel weiß. Ganz gleich in welchem Universum der Musik Sie unterwegs sind, Sie werden mir zustimmen, dass die Musik ein Faszinosum ist. Sie hat für den einzelnen Menschen und daher selbstverständlich auch für die Gemeinschaft einen hohen Stellenwert, da man eine Vielzahl an positiven Eigenschaften aus der Musik ableiten kann. Gerade daher ist eine Analyse interessant, die sich aufgrund des geschichtlichen Verlaufs die Frage erlaubt: Ist das, wie wir Musik betreiben vor allem für die zukünftigen Generationen überhaupt sinnvoll? Oder brauchen wir für die Bewältigung der anstehenden Probleme und die damit verbundene Gestaltung der Zukunft Eigenschaften, die uns die Musik aufgrund unserer bisherigen Praxis gar nicht vermitteln kann? Daraus leitet sich unmittelbar die Frage ab, welche Eigenschaften es für eine Zukunftstauglichkeit braucht und ob eine andere Herangehensweise an die Musik die gewünschten Fähigkeiten vermitteln kann. Schließlich haben wir ja aufgrund der unterschiedlichen Angebote eine Wahl.
Aus den zahlreichen und intensiven Gesprächen mit meinen Kunden weiß ich, dass viele mit ihrem Ist-Stand zufrieden sind und nichts ändern wollen. Doch genauso signalisieren mir einige meiner Kunden das Interesse, sich mit Zeitgemäßen Musik intensiver auseinandersetzen zu wollen, wenn man nur eine Möglichkeit zum Einstieg finden würde. Eine starke Anziehungskraft hat z.B. das Freie Musizieren bzw. das Improvisieren. All diese Themen begleiten mich und finden in Blogs und Homepages mit einem eigenen Thema ihren Weg in die Welt. So ist das auch mit diesem Blog. Seien Sie offen für die Geschichten von und über die Musik. Es gibt eine Vielzahl von Punkten, die Sie auch persönlich berühren werden. Im besten Fall lassen Sie sich von den damit verbundenen Informationen inspirieren.
Kann man Kinder einfach und gleichzeitig effizient motivieren?
Aus meinem Blog zum Thema Klavierboom in China beendet sind noch die folgenden Fragen offen: Was steckt eigentlich hinter dem Klavier- bzw. Klassikboom der Chinesen, die nicht in China leben? Gelingt ausgerechnet den Auslandschinesen eine intrinsische Motivation zur westlichen Klassik als Gegenstück zur extrinsischen Motivation über die Bildungsreform und die damit verbundenen Lebensziele in China? Und warum betrifft das seltsamerweise nur die Kinder – und nicht etwa auch die Erwachsenen, z.B. die Eltern der Kinder?
Die letzte Frage lässt schon vermuten, dass das Lernen von klassischen Instrumenten nichts ist, was dem Menschen ganz allgemein nutzt, sondern irgendetwas davon nur für Kinder gut ist. Denn ansonsten würden ja in allen Familien Mama, Papa und alle Kinder musizieren. Nach ein paar Jahren könnte in diesen Wohnungen dann eine harmonische Hausmusik durch das familiäre Kammerkonzert erklingen. Aber genau diese an und für sich logische und schöne Vision findet nicht statt.
Was ist bei asiatischen Müttern anders?
In chinesischen Familien scheint mir die Ehefrau und Mutter die antreibende Kraft zu sein. Häufig erlebe ich, dass sowohl der Vater als auch die Mutter am PC sitzen. Sie sind im Umgang mit den zeitgemäßen Medien fit. Wie vermutlich überall auf der Welt organisiert die Frau das Familienleben, während der Mann im Beruf ist. Zumindest bis zu der Zeit als das Homeoffice normal wurde, organisierte und kontrollierte im Wesentlichen die Mutter das Leben der Kinder zu Hause.
Wer sich mit Asien beschäftigt, der weiß, dass ganz Asien eine enorm aufsteigende Region ist. Die Leute dort sind nicht nur fleißig und als Arbeitskraft günstiger als die Konkurrenten vor allem im Westen, sondern sie sind dem Neuen gegenüber auch sehr aufgeschlossen. Daher sind die Produktionen in Asien selbst in kleinen Ländern wie Vietnam bereits auf einem technologisch sehr hohen Niveau. Das heißt: So gut wie alle Asiaten folgen dem Mantra Wir wollen in der Welt Spitze sein! Dieses Leitmotiv scheinen vor allem die Frauen verinnerlicht zu haben. Und sie vermitteln diese Einstellung an ihre Kinder.
Solange Kinder geliebt werden wollen, sind sie brav.
Folglich sind auch die Eltern bzw. die Mütter die Ansprechpartner der Klavierlehrer. Diese delegieren den Druck zum Üben auf die Eltern. Das macht doppelten Sinn. Denn zum einen können ja nur die Eltern zu Hause das Üben kontrollieren. Und zum anderen sind die Klavierlehrer damit von der unangenehmen Rolle des Erzeugens von Druck auf die Kinder befreit. Die Klavierlehrer können als Freund und Partner der Kinder auftreten, was das Lernen durch eine gute Schüler-Lehrer-Beziehung begünstigt.
Der Druck, den Eltern aufbauen müssen, damit ihre Kinder die Klassische Musik fleißig und regelmäßig üben, ist enorm. Das ist den Eltern bewusst. Damit man nicht wie früher den Stock schwingen muss, spricht man die Eitelkeit der Kinder und damit deren Ego an. Dies gelingt über die Vorspiel- oder Schülerkonzerte der jeweiligen Musikschulen. Sie sind ein wichtiger Teil dieses fremdbestimmten Wegs der Reproduktion der von anderen komponierten Musik und im Fall der Auslandschinesen auch kulturell fremder Musik. In mehrfacher Hinsicht ideal sind die in Deutschland bereits installierten Wettbewerbe von Jugend musiziert. Der Wettbewerb Jugend musiziert geht über das Schülervorspiel hinaus. Denn nun stellt man sich einem Vergleich und kann sich in einer Rangliste für höhere Wettbewerbe qualifizieren. Durch die Bewertung, das Ranking und den Wettbewerb bekommt das Klavierspiel ein klitzekleines bisschen den Charakter vom Gamification, d.h. man verändert etwas dahingehend, dass es einen spielerischen Charakter bekommt, und nutzt dessen Motivationsmöglichkeiten für den Wettbewerb und das damit verbundene Konkurrenzdenken. Alte Musikhäuser in meist dicht besiedelten Regionen, die erfolgreich den Übergang ins Internetzeitalter überstanden haben, organisieren ihre eigenen Klavierwettbewerbe. Ebenso haben die großen Marken der Klavierhersteller eigene Wettbewerbe und ganz oben steht der Steinway Klavierspiel-Wettbewerb mit dem Abschlusskonzert in Hamburg. Wer dorthin eingeladen wird und am Ende auch noch das Finale gewinnen kann, der hat zwar erst die unterste Stufe der langen Treppe zu den höchsten Weihen des Klavierspiels erreicht. Aber die Gewinner werden mit dem Gefühl belohnt, als wären sie schon ganz oben angekommen. Die Eitelkeit und somit das Ego sind also ein wesentlicher außenorientierter Motivationsfaktor, der als Zuckerle vor die Nase gehalten stärker wirkt, als die Peitsche auf den Rücken.
Ist die Projektion von Kinderträumen der Eltern auf ihre Kinder in Ordnung?
Häufig hatten die Eltern den eigenen Wunsch, das Musizieren zu lernen, selbst einmal Star auf der Bühne sein zu dürfen. Doch das war zu deren Kindheit (noch) nicht möglich. Nun nutzen sie die Gelegenheit, ihren Kindheitstraum auf die Kinder zu übertragen. Das nennt man eine Projektion. Dieses Verhaltensmuster ist in der Psychologie bestens bekannt. Das Fantastische an der Projektion ist, dass man nun als Mama und Papa unmittelbar am Erfolg der Kids beteiligt wird, ohne all diese ermüdenden, wenig einladenden, tatsächlich anstrengenden Übungseinheiten zum Erlernen des Klavier oder Geige Spielens absolvieren zu müssen. Das eigene Ego, die eigene Eitelkeit, die über das Miterleben des Erfolgs der Kinder bzw. dessen ersehnte geistige Vorwegnahme gestreichelt werden, lassen einen dann schon mal die Hemmschwelle zu noch mehr Druck bereitwillig überschreiten.
Wie kann man sich in einem Land wie Deutschland erfolgreich integrieren?
Der Wettbewerb öffnet noch eine weitere großartige Gelegenheit. Betrachtet man die Wahlergebnisse sowie die Statements zahlreicher vor allem konservativer Politiker sowie die Produktionen ebenso konservativer Medien so könnte man meinen, wir Deutschen könnten andere nicht in unsere Gemeinschaft integrieren. Blickt man über den nationalen Tellerrand, so können auch Italiener und Franzosen scheinbar keine Integration. Schnell durchschaut man die Ursache, nämlich eine von auf den ersten Blick nicht offensichtlichen Kräften gewollte und medial unterstütze Hetze, die nicht wirklich auf Ängsten im jeweiligen Volk begründet wären. Sieht man sich auf unseren Straßen um, entdeckt man eine pulsierende Multi-Kulti-Gesellschaft, was völlig normal zu sein scheint. Der Widerspruch ist demnach offensichtlich, da trotz all der scheinbaren Ablehnung ein wunderbar buntes Straßenbild entstehen konnte. Doch das Bild täuscht. Denn bislang leben die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen nicht mit-, sondern nebeneinander her. Das Gemeinsame, das verbindende Element fehlt, um den Mehrwert des gesellschaftlichen Miteinanders zu ermöglichen. Gerade für die Musik liegen hier große Chancen gleichsam auf der Straße, um eine lebendige Multi-Kulti-Musikszene entstehen zu lassen, die eine verbindende Wirkung hätte. Diese Urkraft der Musik, also Musik mit seiner verbindenden Wirkung, gilt es zurückzuholen. Z.B. Ende des 19. Jahrhunderts, als die Nationen entstanden, nutzte man diese Megapower der Musik noch ganz bewusst, um im Volk Stolz auf sowie eine Identifikation mit der jeweiligen Nation zu erzeugen. In Italien stand dafür z.B. der großartige, da auch sozial engagierte Komponist Giuseppe Verdi und die Kategorie der Oper. Über das deutsche Klassikradio schreibt der Inhaber einer Konzertagentur und Autor Berthold Seliger, es würde 150 Jahre später immer noch ausschließlich deutsche Klassik senden. Durch die massive institutionelle Unterstützung der gleichen, aber inzwischen Alten Musik, ferner durch die um 180 Grad verdrehte Weltsicht, dass nämlich die Reproduktion auf einmal den gleichen Stellenwert haben würde, wie die Neues kreierende Kunst, sowie natürlich durch weitere Faktoren wie die Monopolisierung der Musiklabels etc. wurde aus der Zeitgemäßen Musik hinsichtlich dieser emotional verbindenden Urkraft eine lahme Ente.
Unsere eingewanderten Mitbürger konnten sich längst erfolgreich integrieren. Viele leben in einem guten gesellschaftlichen Umfeld. Um diesen Status zu erreichen, ist es legitim, wenn man in einer auf Konkurrenz basierenden Gesellschaft den Weg über den Konkurrenzkampf beschreitet, um sich darüber für diese Gemeinschaft im Idealfall als systemimmanent, d.h. als ähnlich notwendig für das gesellschaftliche System wie z.B. eine Bank, zu integrieren. Dieses Ziel erreicht man zumindest tendenziell, wenn man die ersten Plätze der von uns vielfältig angebotenen Wettbewerbe belegt. Die Gelegenheit dafür ist ziemlich häufig. So listet das Musikinformationszentrum 584 Institutionen auf, die im Wesentlichen Musikwettbewerbe für die Klassik anbieten. Die Zauberkraft dieser großartigen Chance zur Integration zeigt sich am Ende der Musikwettbewerbe, wenn man auf dem Podest nur noch selten Deutsche findet.
Kann wiederholendes Lernen zu positiven Eigenschaften führen?
Die chinesische Regierung hat durch die 2008 installierte Bildungsreform sowie durch die Subventionierung des gesamten Musikunterrichts für unsere Musikhochschulen in Deutschland eine Schwemme an asiatischen Studenten ausgelöst. Daher ist die Frage naheliegend, ob die z.B. in Deutschland lebenden chinesischen Eltern davon träumen, dass ihre Kinder z.B. Pianistinnen und Pianisten werden? Tatsächlich erhält man auf diese Frage eine wirklich überraschende Antwort: Nein, das wollen sie gar nicht. Wenn das aufgrund eines Talents geschehen würde, wäre es in Ordnung. Aber sie gehen eher davon aus, dass die Kinder nach der Pubertät das Musizieren beenden. Worin besteht dann aber der Sinn dieses Martyriums, das Kinder und Eltern gemeinsam durchleben? Es folgt die nächste überraschende Antwort: Man gehe als fürsorgliche Eltern davon aus, dass die Kinder über das zugegebenermaßen disziplinierende Lernen des klassischen Musizierens genau die Eigenschaften lernen und verinnerlichen, die man benötigt, um später ein Studium als Anwalt oder Mediziner erfolgreich absolvieren zu können! Musizieren lernen als eine neue Art von Willens-Doping?
Das zu erwartende Geschäft bestimmt die Regeln. Passen wir uns an?
Damit sind wir bei einem interessanten Phänomen unserer Zeit angekommen. Für die meisten Menschen unbemerkt arbeitet die Pharmaindustrie an einer besonderen Form des Dopings, nämlich dem legalen Doping. Legal wird Doping dann, wenn die dadurch erreichten Ziele mit den Paradigmen der Gesellschaft übereinstimmen. Dann darf man dieses Doping sogar legal finanzieren z.B. über unsere Krankenkassen. Nun sind Sie vermutlich gespannt, wie das soeben kryptisch Formulierte konkret aussehen kann. Die neue Form des Dopings zielt ab auf Neuro Enhancement. Das heißt übersetzt Neuronale Verbesserung oder verständlicher Hirndoping. Die konkreten Ziele lauten: Steigerung der Konzentrationsfähigkeit sowie Aufrechterhaltung der kognitiven Leistungsfähigkeit im Idealfall 24 Stunden – da der Mensch in Zukunft zum direkten Konkurrent mit der Maschine wird, die 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche und 12 Monate im Jahr läuft. Diese Ziele halten Sie für unmenschlich? Willkommen im Club! Aber: Das ist bereits Teil unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Folgende Beispiele werden Sie nicht überraschen:
Bildung verändern, damit die Kids eine Chance zum Überleben bekommen
Verweilen wir noch kurz bei den Medizinstudenten: Der Studiengang Medizin ist überlaufen. Warum? Weil die Anerkennung und Verdienstmöglichkeiten des Arztberufs überdurchschnittlich gut sind. Daher muss man den Andrang regulieren. Das gelingt durch Selektion. Als erstes Mittel dient der Numerus Clausus, der die Schüler schon früh unter den Druck des zu erreichenden Ziels einer möglichst guten Note setzt. Man versucht also systemisch den Zugang zu beschränken - nicht etwa (Vision on) exakt die Eigenschaften optimal auszubilden, die es bräuchte, damit wir eine Schwemme an besten Ärzten bekommen würden und somit Krankheiten keine Chance mehr hätten! (Vision off). Da aber die Strategie der Selektion durch die Abiturnote nicht ausreicht, hat man den ersten Teil bis zur großen Vorprüfung, das Physikum, noch einmal unmenschlich gestaltet, indem die Studenten ALLES über den Körper des Menschen zur Prüfung wissen müssen, um es anschließend im Rahmen der Spezialisierung Ihres Studiums auf ein Fachgebiet hin zum Großteil wieder vergessen zu dürfen. Diesen methodisch-didaktischen Lernschwachsinn kennen wir aus der Schule. Man bezeichnet es als Bulimie-Lernen. Um derartig unmenschliche Anforderungen bewältigen zu können, kann man sich dopen. Oder man verändert die Bedingungen. Doch das können Kinder nicht. Das müssen wir Erwachsenen leisten. Wenn wir das System für unsere Kinder entwicklungsfreundlich gestalten könnten, würden wir uns selbst einen unbezahlbaren Gefallen tun. Lassen Sie uns also mal schauen, an welchen Stellschrauben wir drehen müssten, um wirkungsvoll korrigierend in ein offensichtlich verworrenes System eingreifen zu können.
Warum zwingen wir unsere Kinder in ein offensichtlich menschenfeindliches System?
Bei fast gleichem Erbgut (DNA) unterscheiden wir Menschen uns vom Affen in der Größe des Gehirns und damit verbunden im sozialen Verhalten. Wir haben das Miteinander kultiviert und das hat wiederum die Entwicklung des Menschen enorm begünstigt. Aus Sicht der Evolution hat sich der Mensch zu dem Wesen entwickelt, das den gesamten Planeten nicht nur dominiert, sondern nun auch ruiniert. Die negativen Auswirkungen von Systemfehlern sind also offensichtlich und wir tun gut daran, genauer hinzuschauen.
Der menschliche Nachwuchs ist viel länger als bei Tieren unter der Fürsorge der Eltern. Das begünstigt die Entwicklung eines Gehirns, das ebenso im Gegensatz zu den meisten Tieren lebenslang lernfähig ist. Doch damit sich das Gehirn gerade am Anfang nicht nur gut entwickeln, sondern den Entwicklungsstand, konkret die hohe Zahl der Synapsen, auch stabilisieren und somit erhalten kann, braucht es einen sensiblen Umgang mit den noch jungen Gehirnen der Kinder.
Sowohl für unsere Kultur des Miteinanders als auch für unseren Planeten Erde hat sich in den letzten 100 Jahren eine falsche Entwicklung durchgesetzt, die wir heute oftmals rigoros auf die Kinder übertragen. Der sogenannte Neoliberalismus hat die Wirtschaft zum wichtigsten Element unseres Lebens werden lassen. Damit im Zusammenhang hat sich Konkurrenz und zum Schluss der Egoismus durchgesetzt. In der Folge haben Kinder heute keine Kindheit mehr, in der sie sich spielerisch entwickeln können. Schon früh werden die Kinder auf Leistung getrimmt. Das Beispiel der massenhaft auf einem technisch erstaunlich hohen Niveau Klavier spielenden Kinder in China war hierfür ein Extrembeispiel. Die Antwort der Kinder und Jugendlichen, eine offensichtlich unerwartet hohe Selbstmordrate, ist eine eindeutige Aussage zu diesem System.
Menschen sind doch keine Maschinen. Oder doch?
Aus dem Ausgleichssport wurde völlig logisch der Hochleistungssport und selbst die Musik hat man dem Wettbewerb untergeordnet bzw. die Musik auf den Wettbewerb hin ausgerichtet. Der Schatz der Musik besteht aber im Ausgleich, in der Möglichkeit zur Entspannung sowie in der Entwicklung von Kreativität. Durch ein leistungsorientiertes Musizieren und durch die Konkurrenz im Rahmen von Wettbewerben wird dieser Schatz unwiederbringlich zerstört. Was bleibt den Menschen dann noch, um sich von dem Extremstress unserer Industriekultur zu entspannen? Ohne Auszeiten, ohne Entspannung kommt es intern zu Blockaden, zu Energiestaus. Die Antwort unseres Körpers und unserer Psyche lautet: Zivilisationskrankheit. Diese Kategorie der Zivilisationskrankheiten besagt aber exakt, dass unsere Art zu leben, die Ursache für diese Krankheiten ist. Um also gesund leben zu können, müssen wir unsere Art zu leben ändern! Z.B. die Krebsrate steigt ständig. Trotz eines angeblich besten medizinischen Systems. Tatsächlich gibt es eine noch bessere Medizin, nämlich die sogenannte Medizin der Zukunft. Sie zielt darauf ab, dass wir Eigenverantwortung übernehmen. Das heißt, wir werden nicht mehr krank, wenn wir unserer Erholung mehr Raum geben, aktiv Wellness betreiben, und z.B. Musizieren, um uns darüber positiv aufladen zu können. Schaut man aktuell genau auf unser sogenanntes Gesundheitssystem, dann findet man außer explodierenden Zivilisationskrankheiten eine Vielzahl von Krankheiten, die man einfach links liegen lässt, da keine ausreichende Masse an Kranken existiert, für die es sich wirtschaftlich lohnen würde, Medikamente und Heilverfahren zu entwickeln. Die Wahrheit des Dilemmas ist, dass es nicht mehr um unsere Gesundheit, sondern um die Gewinnmaximierung auf Kosten von Gesundheit geht. Unter den Maßstäben des Neoliberalismus versagt das auf Rentabilität ausgerichtete Gesundheitssystem. Stellen Sie sich vor, wir würden das weltweit vorhandene Geld nicht mehr ins Militär stecken müssen, sondern darüber z.B. die Forschung über Wellness finanzieren können!
Damit Entwicklung gelingen kann
Was brauchen also kindliche Gehirne und deren Seelen, um gar nicht erst krank zu werden, sondern um sich gut entwickeln zu können? Sie brauchen Raum und Zeit voller Vertrauen und Sicherheit. Es geht um die Entwicklung eines Selbstbildes, um die Entwicklung von Konzepten der Selbstwirksamkeit sowie um die Empathiefähigkeit als Grundlage sozialer Kompetenz. Im von den Kindern selbstbestimmten Spiel findet Lernen durch Versuch und Irrtum statt. Fehler sind ein natürlicher Teil des Lernens. Umso häufiger Kinder aufgrund von Fehlern die Erfahrung machen können, dass sie imstande sind, Probleme selbst zu lösen, desto stärker wächst ihr Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Sicherheit. Im Idealfall gibt es dann jemanden, der sich mit den Kindern über deren Gelingen im Leben freut. Das nennt man eine soziale Resonanz und ist die Grundlage dafür, dass der Funke der Begeisterung überspringen kann. Begeisterung wiederum ist der natürliche Dünger, oder technisch beschrieben der Katalysator fürs Lernen – und zwar lebenslang. Diesen natürlichen Lernprozess akzeptieren wir Erwachsenen leider nur, bis die Kids Laufen und Sprechen können. Schon gleich danach meinen wir, es müssten Lehrer her, damit das Kind das lernt, was wir Erwachsenen fürs Kind für richtig und wichtig halten.
Angst und Druck verhindern die Entwicklung einer starken Persönlichkeit. Die Funktionalisierung raubt den Kindern die notwendigen Freiräume zur Entwicklung der eigenen Kreativität. Durch zu viele Vorschriften fehlt den Kindern letztlich die Erfahrung bei der Bewältigung von Schwierigkeiten und Problemen. Wie Sie später noch hören werden, verlangsamen Regeln das natürliche Lernen. Werden Kinder dann auch noch zu unnatürlichen Lernverfahren genötigt, so verlieren sie dauerhaft jegliche Lust am Lernen. Denn unser Gehirn ist optimiert für das Lösen von Problemen, nicht zum Auswendiglernen von Sachverhalten und schon gar nicht von Sachverhalten, die einen nicht interessieren, zu denen man folglich keinerlei emotionale Beziehung hat, die wiederum die Grundlage für ein natürliches und somit ökonomisches Lernen ist. Lernunlust ist für die Zukunft absolut tödlich. Denn wir leben heute schon in einer Welt, in der wir bereit sein müssen, ständig Neues zu lernen, um mit dem Entwicklungstempo der Technik als dem dominanten Treiber unserer Welt mithalten zu können.
Dass wir heute in Deutschland in einem so hohen Maß alte Musik lernen und wir daher in der Regel bereits erfundene Musik anderer lediglich noch reproduzieren, ist nichts, was die Entwicklung von Kindern wirklich fördert. Und wenn es die Entwicklung von Kindern nicht fördert, ist es letztlich auch ungesund für die Entwicklungsfähigkeit eines ganzen Landes. Exakt an diesem Punkt stehen wir heute und müssen uns fragen, wie es geschehen konnte, dass aus Deutschland als einem kulturellem Zentrum der Welt ein entwicklungsfeindliches Land werden konnte?
Alte Musik ist ein trauriges Theater
Freies Musizieren sowie damit verbunden das Improvisieren erfordert kognitiv völlig andere Strukturen als die reine Reproduktion von alter Musik. Die von mir gewählte Formulierung der reinen Reproduktion alter Musik liefert einen interessanten Hinweis. Denn die Entwicklung zuerst durch die Festschreibung der Anweisungen des musikalischen Ausdrucks als Teil der Notenschrift und dann die Vorgabe einer Richtlinie durch den Präsidenten der Reichsmusikkammer Peter Raabe wirkten sich letztendlich dramatisch auf Aufführungspraxis der Klassik aus. Über den folgenden Link finden Sie im Artikel bei Wikipedia weiter unten den Satz Werktreue war für ihn hingegen ein wichtiges Kriterium für ein „sauberes Musikleben.“ Mit dieser Vorgabe der Werkstreue als Orientierungsrahmen nicht etwa für die Improvisation, sondern für die Interpretation schränkten die Nazis die eh schon geringen Freiheiten der Musiker, sich durch den persönlichen Ausdruck in das Werk einzubringen, weiter ein. Diese Vorgabe gilt bis heute - aber keiner der Musiker, die letztendlich Opfer derartiger Richtlinien sind, weiß, woher die Vorgabe stammt. Diese schmale Spur, die den Instrumentenbedienern übrig blieb, auf die beziehe ich mich oben mit meiner Formulierung der reinen Reproduktion.
Trotzdem gibt es in der Alten Musik einen Bereich, in dem die Improvisation immer möglich ist und daher dort auch bis heute vermittelt wird: In der Kirchenmusik, an der Orgel. Da der Organist alleine spielt, braucht er keine Rücksicht auf ein ihn begleitendes Orchester nehmen. Aber Moment mal, wird der aufmerksame Leser einwenden. Wie ist das im Klavierkonzert? Auch dort ist kein Orchester vorhanden. Also könnten die Pianistinnen und Pianisten dort ebenso z.B. wie noch zu Bachs Lebenszeit üblich Anfang und Ende frei gestalten! Das stimmt. Warum wird das nicht so gehandhabt? Nun, die Aufnahme der Ausführungsanweisungen in die Notenschrift sowie die oben angeführten Vorgaben...
Wie ist das in der zeitgemäßen Musik bei der Improvisation eines bekannten Songs? Lassen Sie uns ins Detail gehen und fragen: Unter welchen Kriterien improvisiert ein einzelner Musiker? Auffällig ist, dass er keine Noten hat. Der Musiker scheint frei zu fantasieren, vermutlich aus dem Kopf. Aber wenn man z.B. die Pianistin Hiromi Uehara genau beobachtet, dann bemerkt man schnell, dass Sie nicht aus dem Kopf, sondern vielmehr aus dem Gefühl heraus spielt! Sie kann ihr Gefühl direkt über die Finger auf die Tasten und über diese in hörbare Klänge und Melodien ausdrücken. Das ist wie beim Sprechen und somit die höchste Stufe des Musizierens, also die höchste Stufe in der Anwendung der Musik als Sprache. Beim Sprechen sammle ich nicht Buchstaben oder Worte, um einen Satz nach grammatikalischen Regeln zu bilden. Nein, es gibt eine Intention, eine Meinung, ein Gefühl, das ich über die Sprache ausdrücke. Erleben Sie Hiromi, die sich gerade in einem Interview befindet. Zuerst demonstriert sie, wie man spielerisch das Sostenuto-Pedal für die Entwicklung kreativer Sequenzen nutzen kann. Dann wird sie von dem ihr gegenüber an der Wand hängenden Plakat mit den Köpfen der Beatles dazu inspiriert, deren Song Blackbird mit viel Lust und Freude zu improvisieren:
Die Improvisation wiederum bekommt bei Musikern von der Klasse der Japanerin Hiromi Uehara einen spontanen Charakter durch situative Einflüsse von außen. Die holt sie sich, indem sie den Blickkontakt mit ihren Musikern oder dem Publikum sucht. Der Augenkontakt führt zu einem spürbaren Input, da er sie selbst und das Publikum bzw. die Musiker ihrer Band ansteckt. So bekommt die Improvisation einen zusätzlichen emotionalen Mehrwert. Das ist ein weiterer Unterschied zur Klassik, in der jede Note tatsächlich festgeschrieben ist und nicht einmal der Freiraum zur Variation gegeben ist. Natürlich will man in der Klassik mehr hören und erleben als nur eine maschinengleiche Präzision. Die Kunst besteht also darin, dass der Musik wenigstens über die Dynamik Leben eingehaucht wird. Offensichtlich hat die Persönlichkeit der jetzt lebenden Musiker in den zeitgemäßen Formen des Musizierens einen weitaus höheren Stellenwert als in der Klassik, da man ihr z.B. im Jazz mehr Spielraum zugesteht.
Das Spiel ohne Noten hat in der Klassik übrigens eine der wenigen Frauen in der Welt der Alten Musik eingeführt, nämlich Clara Wieck-Schumann. Durch sie wurde das Auswendig spielen im Konzert zur Norm. Denn die Noten gaben ja den eindeutigen Hinweis darauf, dass hier nach Noten gespielt und somit auf keinen Fall frei improvisiert wird. Durch das Auswendig spielen erzeugte man einen scheinbar freieren Rahmen und lud so das Klassikkonzert mit einem neuen Mehrwert auf.
Fertige Stücke auswendig spielen ist im Vergleich identisch zum Aufsagen von Gedichten. Bringen wir unseren Kindern Gedichte bei, damit sie frei sprechen lernen? Nein, aber wir wollen, dass die Kinder frei sprechen können. Daher muss auch die Frage erlaubt sein: Welche Formen der Musik können unsere Anforderungen heute und in Zukunft aktiv fördern? Denn grundsätzlich können und müssen wir schon heute und erst recht in der Zukunft bereit sein, lebenslang zu lernen. Lernen kann spielerisch durch Variieren stattfinden. Dann erarbeitet man sich ein Feld von Möglichkeiten anstelle einer punktuellen Fertigkeit. In den Methoden, die uns immer wieder an die Grenzen unseres Können bringen, damit über die so erreichte Instabilität neue Lernprozesse ausgelöst werden, scheint man irgendwann an seine persönlichen Grenzen zu kommen. Das kann natürlich auch eine Frage der Motivation bzw. der mit dem Üben verbundenen Monotonie zu tun haben. Um seine Möglichkeiten auch im relativ hohen Alter noch erweitern zu können, integriert man neuerdings die Künstliche Intelligenz, genannt KI bzw. in der englischen Version AI für Artificial Intelligence. Davon berichtet der Profi-Musiker Jordan Rudess (1956) in einem Interview von 2026, das sie anschließend im Video sehen und hören können. Jordan hat ursprünglich klassisch Klavier an der Juilliard School studiert.
Aber nach dem Studium begann er keine Karriere als klassischer Pianist, sondern wechselte als Keyboarder in die Zeitgemäße Musik. Bei Wikipedia liest man heute, dass er Keyboarder, Klaviervirtuose, Software-Entwickler und Mitglied einer erfolgreichen Band ist. In dem folgenden Video stellt er verschiedene Programme vor, mit denen er zuerst dem Programm die Möglichkeit gibt, seine Spielweise kennenzulernen. Dann gibt er nur noch Akkorde vor und lässt das Programm mit kurzen Melodien antworten. Diese von der KI generierten Melodien können seinen Erwartungen entsprechen, unter seinem Niveau sein, oder ihn überraschen. In letzterem Fall kann er genauer hinsehen, welche Tonfolge die KI da gewählt hat, um diese als eine neue Variante in sein Repertoire aufzunehmen. Alternativ geht der umgekehrte Weg, indem er nur Melodiefolgen eingibt, und das Programm mit Akkorden antwortet. Ein interessanter Nebeneffekt des Einsatzes eines solchen KI-basierten Programm besteht darin, dass Jordan Rudess spielt, spielt, und spielt. Man könnte auch sagen: Er übt. Seine Motivation kommt wie beim Zusammenspiel mit einem Menschen aus dem Dialog mit dem Programm. So sehen erfolgreiche spielerische Lernformen aus.
Wenn Sie das Video aufrufen, werden Sie vermutlich erschrecken, denn Sie erwartet eine KI-Übersetzung. Gehen Sie auf Einstellungen und dort auf Audiotracks. Dort wählen Sie oben stehend Englisch Original aus. Zur Unterstützung sind automatisch englische Untertitel integriert.
Selbstmarketing befreite die Musik von Kirchen und Fürsten
Das Solokonzert für Klavier war früher die Werbeplattform für die Werke der Komponisten. Die Komponisten spielten als Pianisten auf der Bühne selbstverständlich ihre eigenen Werke. Das war der wesentliche Grund, warum die Musik eines Komponisten nach seinem Tod nicht mehr zu hören war. Man musste sich zwangsläufig an den lebenden Komponisten und damit verbunden immer auch an der Zeitgemäßen Musik orientieren. Das Klavierkonzert eröffnete den Komponisten erstmals in Verbindung mit Einnahmen für Lizenzen ihrer Kompositionen und den Verkauf von Noten die Möglichkeit, sich unabhängig von Kirchen und Fürsten als Sponsoren zu vermarkten.
Das Solokonzert für Klavier als eine Sonderform des Konzerts wurde Ende 1800 durch Steinway zur Werbeplattform für Steinway-Flügel und zum Marketinginstrument der eigenen Marke auserkoren. Steinway hat dieses Ziel der Werbe- und Verkaufsplattform seitdem intensiv und erfolgreich verfolgt. Die gesamte Entwicklung des Pianos litt seitdem unter der Fixierung der Premiummarke Steinway auf ein immer lauteres Instrument in immer größeren Hallen zur Beschallung von immer mehr Publikum. Damit nicht genug musste das moderne Piano auch noch einen grellen Klang bekommen, den man beschönigend Brillanten Klang nannte. Dieses Klangmuster soll das Hören von extrem schnellen Passagen des Hochleistungsspiels, also das auditive Aufteilen der Passage in Einzeltöne, begünstigen. Doch dieser grelle Klang verhindert gleichzeitig die Entspannung, wegen der so viele Menschen das Pianoforte ausgewählt haben. Darüber hinaus beschränkt sich die Entwicklung des immer lauteren Pianos nicht auf den Konzertflügel, sondern wurde 1:1 in unser Hausklavier übernommen. Das führte dazu, dass heute die meisten Klaviere für die hellhörigen Wohnungen in einer zunehmend kulturfeindlichen Welt zu laut sind. Deswegen bauen deutsche Klavierbauer seit bereits mehr als 30 Jahren, also zu der Zeit als das Silent Piano aufkam, in das Aufrechte Wandklavier einen Moderator ein, der ein leiseres Üben ermöglichen soll. Der Moderator besteht aus einem dünnen Filztuch, das sich zwischen Hammer und Saite schiebt. Nun schlägt der mit Filzplatten überzogene hölzerne Hammerkern des Klavierhammers zuerst gegen das Filztuch, bevor er auf die Saite trifft. Die in 98% der Fälle schlechtere Spielart durch das zwischengeschaltete Filztuch verleidet einem das Üben dann endgültig.
Der Moderator ist ein analoges Verfahren und wird daher von den deutschen Klavierbauern gegenüber der digitalen Lösung bevorzugt. Das passt zu dem Trend unserer Pianoforteverfertiger, sich den zeitgemäßen Entwicklungen (20-30 Jahre lang) zu verschließen. Ahnen Sie, warum sich unsere deutschen Klavierbauer gegenüber den digitalen Lösungen so lange wie möglich verweigern? Weil Sie genau wissen, dass es dort schon alles gibt, wovon Bach - siehe die Geschichte um die Instrumentierung der Kunst der Fuge - und viele andere der alten Meister geträumt haben, nämlich mit Klängen und weiteren Möglichkeiten zur Gestaltung des Ausdrucks spielen zu können. Denn mit den Mitteln der Klavierspieltechnik mussten die Finger endlose Variattionen von Melodien, Akkorden, Arpeggien oder Oktavläufen etc. produzieren, um die Ohren der Zuhörer möglichst pausenlos zu beschallen. Von derartigen musikalischen, vor allem den klanglichen Fantasien muss man ausgehen, da man schon seit der Existenz von Chor, Orchester und/oder Orgel für diese Gruppierungen komponieren und somit auch deren Klänge kombinieren konnte. Unsere alten Meister waren nämlich nicht nur Musiker, sondern immer auch Komponisten! Sie hatten daher traditionell mehr Möglichkeiten zur Gestaltung von Klängen als ein Instrumentalist. Folglich war ein Weiterdenken und Träumen naheliegend, da man beim Erzeugen von Neuem immer wieder an Grenzen stößt. Die Orgel war ja schon eine Klangmaschine. Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) müsste auch von dem Pantaleon gehört haben. Schließlich hat dieses außergewöhnliche Instrument gemeinsam mit seinem Erfinder und Spieler Pantaleon Hebenstreit (1668 - 1750), der fast genau zur gleichen Zeit wie Bach lebte, immerhin 3 Musikinstrumentehersteller in Italien, Frankreich und Deutschland inspiriert, die Hammermechanik als Basis für das Hammerklavier zu entwickeln. Im folgenden Video sehen und hören Sie die Vorstellung verschiedener Möglichkeiten zur Gestaltung des Ausdrucks auf einem Tasteninstrument, die heute (2026) schon möglich sind - und wir stehen erst am Anfang dieser großartigen Entwicklung. Demonstration und Erläuterung folgt anhand der Invention Nr. 4 von Johann Sebastian Bach (BWV 775).
Den Musiker, der die Vorführung gestaltet hat und selbst ausführt, habe ich Ihnen oben schon vorgestellt. Es ist Jordan Rudess (1956), der auf der Juilliard School Klassisches Klavierspiel studiert hat. Wie oben schon ausgeführt, entschied er sich gegen eine Karriere als klassischer Pianist und wechselte zur Zeitgemäßen Musik. Dort ist er seit langer Zeit der Keyboarder der erfolgreichen Band Dream Theater. Bei deren Live-Shows setzt er natürlich alle neuen Instrumente mit ihren spannenden Features ein. Aber er hat seine Liebe zur Klassik nicht vergessen. Daher war es für ihn naheliegend, nachdem nun das erste voll funktionsfähige Tasteninstrument des neuen Standards MIDI Polyphonic Expression (MPE) schon länger auf dem Markt ist, die neuen Möglichkeiten des Ausdrucks mal in der Klassik einzusetzen. Er ist damit ein Vorreiter. Denn ähnlich wie es auch innerhalb der Klassik immer wieder mal Talente gibt, die gegen die Regeln verstoßen, weil sie es wagen, weiterzudenken und das auch spieltechnisch umzusetzen, wird es bei der neuen Klassik-Generation immer öfter Musiker geben, die das Spiel mit dem heute möglichen Ausdruck ebenso reizt. Ja, ich wage vorherzusagen, dass sich die wirklich ernsthaften Klassiker geradezu verpflichtet fühlen, die Alte Musik mit der neuen Technik zu spielen, die die alten Meister verwenden würden, wenn sie heute leben würden. Schließlich haben diese Komponisten zu ihren Lebenszeiten selbstverständlich alle zeitgemäßen Technologien ausprobiert und eingesetzt. Seien Sie also gespannt, was Jordan Rudess Ihnen präsentiert, und wie seine Vision aussieht, wie man die Alte Musik in unsere Zeit holen kann. Jordan Rudess hat eine ausgezeichnete Hand für seine eigene Öffentlichkeitsarbeit und eine feine Nase für neue, gerade im Entstehen befindliche Märkte.
Die Invention Nr. 4 von Bach (BWV 775) für Sie zum Nachspielen:
Die japanischen Klavierbauer Yamaha und Kawai haben ein ausgezeichnetes Marketing. Sie orientieren sich vorausschauend an Trends. Analysiert man den Klaviermarkt, denn buhlen die alten Klaviermarken um die Position auf der Bühne, und alle tummeln sich mit den gleichen Akustikpianos auf dem Markt fürs Hausklavier. Ein derartiger Red Ocean führt in eine Marktüberhitzung die im Preiskampf endet. Die Japaner holten ihren Rückstand schnell auf. Yamaha begann nämlich erst 1900 mit dem Klavierbau, Kawai entstand erst 1927. Ab Mitte 1900 kombinierten sie ein zu den westlichen Klavierbauern vergleichbares Niveau in der Qualität mit ebenso vergleichsweise etwas günstigeren Preisen. Das ärgerte die Platzhirsche vor allem in Deutschland. Also begann die Presse, die Klaviere aus Japan als Plastikklaviere schlecht zu schreiben, weil man im Spielwerk ein oder zwei Bauteile aus Kunststoff entdeckt hatte. Die Japaner konzentrierten sich weiter auf das Wesentliche und suchten weiter nach möglichen Trends. Auf der Suche nach dem Blue Ocean, also einem neuen Marktsegment, in dem man sich weitgehend von Konkurrenz ungestört entwickeln kann, entdeckten sie das Silent Piano in England, das eigentlich schon 1987 Seiler (Kitzingen) erfunden hatte. Seilers Patentierung der Idee hat jedoch vermutlich deren Übernahme verhindert. Der englische Erfinder Kemble zeigt sich mit seiner Erfindung gegenüber den Japanern jedoch gesprächsbereit und so entstand daraus eine intensive Kooperation, die am Ende immerhin für den Chef der Firma gut ausging. Denn Brian Kemble durfte ein paar Jahre die Rolle als Geschäftsführer bei Bösendorfer, das österreichische Unternehmen ist seit 2008 Tochter von Yamaha, ausfüllen. Schon vorher wurde die Produktion der Marke Kemble komplett in die indonesische Produktion Yamahas integriert. Die Fabrik in England wurde geschlossen, die Arbeiter wurden entlassen.
Die Japaner fanden die Idee vom Silent Piano gut. Im Erkennen und Setzen von Trends besteht schon relativ lange die äußerst erfolgreiche Strategie der beiden Konkurrenten aus Japan. Ausgehend vom Silent Piano entstand dann mit dem TransAcoustic-Piano das erste vollwertige Hybridpiano. Vermutlich war es zuerst Kawai, die daraus das Klavier der Zukunft entwickelt haben: Das servicefreie Digitale Hybridpiano. Man muss sich bewusst machen, dass die Japaner nur 3 Technologie-Generationen benötigt haben, um das servicefreie Klavier als ein bereits käuflich erwerbbares Modell für die Zukunft zu entwickeln.
Wie bringt man überteuerte Instrumente unters Volk?
Das Klavierkonzert wird bis heute als Motivation zum leistungsorientierten Klavierspiel missbraucht. Inzwischen ist diese Konzertform nämlich keine Bühne mehr der Kreativkünstler, sondern lediglich eine Ego-Show von Reproduktionsartisten. Das Klavierkonzert dient vor allem dem Zweck, die Gewinnspannen für völlig überteuerte Grand Pianos noch möglichst lange hochzuhalten, sowie die Nachwuchspianistinnen und -pianisten über deren Eiteilkeit und Ego zu manipulieren. Flügel und Klavier verkörpern allerdings nur noch das Image einer längst vergangenen, nämlich ursprünglich kreativen und deswegen hochwertigen Kultur!
Erinnern wir uns: In der Geschichte der Menschheit waren die meisten Menschen damit beschäftigt, zu überleben. Musik, Fantasie und künstlerische Kreativität waren für die Masse der Leute überflüssige Eigenschaften. Wer also so viel Zeit und Geld übrig hat, dass er es sich leisten kann, sich mit überflüssigen Eigenschaften zu beschäftigen, die oder der mussten etwas Besonderes sein! Daher kam die Hochachtung gegenüber den Musikern und Künstlern.
Der aktuell bei neuen Klavieren sehr hohe bzw. bei den großen Flügeln überzogene Preis zieht seinen Mehrwert aus der Tatsache, dass sich das Tasteninstrument im Klangmöbel zu einer Art Kulturvisitenkarte entwickelt hat. Dahinter steckt der Wunsch, ein besserer Mensch zu werden, zu einem Menschen mit Mehrwert, der man wird, wenn man es sich leisten kann, sich mit Kultur aufzuladen (siehe oben). Das ist der Fall, wenn man so musiziert, dass man als Künstler wahrgenommen wird. Der Künstler ist nämlich durch die von der Philosophie geformte Definition jemand, der etwas Eigenes, also Neues und Einmaliges kreiert. Das Neue und Eigene sind in der Sprache des Marketings Alleinstellungsmerkmale, die unserer Wahrnehmung dabei helfen, die wertvollen Künstler aus der Masse der Mitbewerber zu filtern. Diese Mehrwert-Schöpfung ist tatsächlich für die Geschichte unserer Gesellschaft wichtig, da häufig erst Kunstwerke bzw. neue Ausrichtungen der Kunst bestimmten Entwicklungen zum Durchbruch verhalfen.
Klavierspieler und Musiker waren früher Alleskönner. Sie waren Kreativkünstler, die komponierten, unterrichteten, eigene Kompositionen in Konzerten präsentierten und in der Regel auch ihre Instrumente weitgehend selber pflegten. Letzteres heißt, dass man circa bis Mitte 1800 sein Tasteninstrument mit Saiten selber gestimmt hat. Ab 1900 begann eine Metamorphose, also eine Verwandlung. Die Zeitgemäße Musik wurde geschickt mit dem Label Neue Musik versehen. Gleichzeitig wurde die Alte Musik künstlich hochgehalten. Aus dem Alleskönner wurden Instrumentenbediener mit mehr oder weniger Grundlagenwissen über die Musik. Um die gerade ausgebildeten Musiker für die Alte Musik zu sichern, und damit der Neuen Musik zu entziehen, wurde in der Ausbildung (übrigens bis heute) das gelehrt, was die Ausbilder kannten, nämlich Alte Musik. Hier lernte man also bereits, dass sich die Institutionalisierung der Alten Musik auf Dauer bezahlt macht. Diese künstliche Aufspaltung führte in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der Neuen und der Alten Musik. Die Tumulte endeten in einer Periode der Totenstille für die Zeitgemäße Musik als nämlich die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Die Vorgänge in diesem Zeitraum sind derart bestimmend für unseren heutigen Umgang mit der Musik vor allem in Deutschland, dass es sich lohnt, sie unter die Lupe zu nehmen. Kommen Sie mit!
Was geschieht, wenn man Kunst kontrolliert?
Einige der folgenden Punkte wurden in den Kapiteln darüber schon angesprochen. Dadurch wurden Sie auf die für Sie bislang gegebenfalls neuen Begriffe hin geprimpt. Das heißt übersetzt, Sie wurden hinsichtlich der verwendeten Bezeichnungen vorbereitet, die Begriffe sind nicht mehr neu, Assoziationen wurden bereits gefunden. Wir können also mit den nun folgenden neuen Inhalten direkt an das Vorhandene andocken. Es folgt - vielleicht erstmals - die Ableitung der historischen Zusammenhänge, so dass das Gesamtbild in seiner Struktur erkennbar wird.
Aus dem Allround Kreativkünstler wurde ab 1900 der Instrumentenbediener zum ausschließlichen Zweck der Reproduktion der Werke anderer, also genau genommen eine Schmalspurvariante eines echten Künstlers nach der ursprünglichen Definition. Diese abgespeckte Variante hat man in der öffentlichen Meinung auf das Podest des Kreativkünstlers gehoben, so dass wir Pianistinnen und Pianisten zujubeln können, als stünden dort Künstler von der Kategorie Van Beethoven, Chopin oder Liszt. Der Hintergrund dieser Entwicklung ist die Ablehnung der Politik, also der gewählten Machthaber, gegenüber der Anfang 1900 entstandenen Zeitgemäßen Musik sowie des Jazz. Nicolaus Harnoncourt hat als anerkannter Spezialist für Alte Musik darüber gesprochen, warum die Anfang 1900 entstehende Neuen Musik sowohl von den Machthabern als auch von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt wurde. Harnoncourt erläutert, dass die Aufgabe der Kunst und in diesem Fall der Musik darin besteht, den Geist der Zeit zu spiegeln. Und wenn dieser Zeitgeist eine hässliche Fratze ist, dann schaut man lieber weg. Das ist normal. Die Umstände Anfang 1900, die in den Ersten Weltkrieg und unendliches Leid führten, wurden von dieser Neuen Musik gespiegelt, um die Menschen für das Kommende zu sensibilisieren. Das heißt, eine bislang weitgehend harmonische Musik wurde plötzlich disharmonisch. Das war quasi die Metapher von der Fratze, auf die sich Harnoncourt bezogen hat. Die Gesamtsituation, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte, wurde durch reiche Staaten begünstigt, die viel Geld fürs Militär übrig hatten und darüber hinaus konkret in Deutschland durch eine Führerfigur mit persönlichen Defiziten, Kaiser Wilhelm II. Die Stimmung wurde hierzulande von der Vision Kaiser Wilhelms II geprägt, den Deutschen einen Platz an der Sonne zu gönnen. Sie staunen und fragen sich: Wie wollte er das realisieren? Zum einen durch ein Aufholen im Plündern Afrikas gegenüber den Vorreitern Frankreich und England. Zum anderen indem wir Deutschen zur führenden Weltmacht aufsteigen sollten. Das Ende dieser Visionen war der Massenmord an mindestens 17 Millionen Menschen, den man den Ersten Weltkrieg nennt.
Die Zeitgemäße Musik wurde von der Politik abgelehnt, weil die sich plötzlich mit ihren Werken in die Öffentliche Meinungsbildung einmischte. Für dieses neue Erscheinungsbild der Musik steht beispielhaft das Ballett Die Frühlingsweihe bzw. im Original Le sacre du printemps von Igor Strawinsky. In dem Ballett wird die Atmosphäre vor dem Ersten Weltkrieg erfasst und vermittelt. Dieser Vorgang ist in der Geschichte zwischen Machthabern und Kultur ein zentraler Punkt. Denn die Künstler waren früher immer abhängig von den Machthabern, zuerst der Kirche, dann den Fürsten. Die Kunst spiegelte daher in der Regel das Weltbild der Machthaber. Erst seit der Französischen Revolution Ende 1700 und spätestens seit 1900, als der Expressionismus die Reaktion auf den von Kaiser Wilhelm II inszenierten Ersten Weltkrieg war, wird die Kultur von den Menschen als wegweisend angenommen. Aus diesem Grund fand unmittelbar darauf folgend in der Zeit des Nationalsozialismus eine zielgerichtete Aggression gegen die meisten Künstler statt. Die Angriffe richteten sich aufgrund des Rassenwahns der Nationalsozialisten gegen den Jazz, gegen Autoren unerwünschter Literatur in Form der Bücherverbrennung, sowie gegen die Künstler durch die Diffamierung sogenannter Entarteter Kunst. All diese Aktionen standen in Verbindung mit der Judenverfolgung. Bei Wikipedia kann man dazu lesen: Gleich nach der Machtergreifung… wurde der gesamte Kulturbereich von den Nationalsozialisten zentralisiert und mit einem allumfassenden Kontrollapparat überzogen. (Das muss das Vorbild für die zweite Amtszeit von Trump und hier das maßgebliche Handeln von Elon Musk gewesen sein, der blitzschnell sämtliche Regierungsbereiche unter seine Kontrolle gestellt hat.) Die Reichskulturkammer als Kontroll- und Lenkungsapparat der Nazis unterstand dem Verantwortlichen für die Indoktrination des deutschen Volkes im Sinne des Nationalsozialismus, Joseph Goebbels, dem zusätzlich das wichtige Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda zur Verfügung stand. Die beiden zuletzt genannten Ministerien waren Goebbels Werkzeuge, über die er die sogenannte Gleichschaltung aller Bereiche des Kulturlebens verfolgte. Doch der Begriff der Gleichschaltung ist ein Euphemismus, also eine beschönigende Worthülse, denn gemeint war die ideologische Unterwerfung unter die Ideologie des Führers, die Adolf Hitler umfassend in Mein Kampf dargelegt hat. In dem verlinkten Artikel bei Wikipedia werden wichtigen Namen aus der Musikgeschichte sowie dem Klavierbau als Unterstützer des Aufstiegs Hitlers und seiner Doktrin genannt. Helene Bechstein war ein frühe (1921) und massive Förderin, ohne die der Aufstieg Hitlers allein in der Partei sowie darüber hinaus undenkbar ist. Winifried Wagner war dafür verantwortlich, 1930 nach der Übernahme der Leitung der Bayreuther Festspiele daraus eine zentrale Kultstättte des Nationalsozialismus gemacht zu haben.
Die zeitliche Reichweite dieser kulturellen Institutionen endete in Deutschland aber nicht mit dem Zweiten Weltkrieg. Zum Beispiel die Ära Winifrieds Wagners und damit des nationalsozialistischen Einflusses auf das Haus Wagner in Bayreuth endete möglicherweise erst am 26. Juli 2026 mit der von Katharina Wagner gegen massive Widerstände initiierten Rede Michel Friedmans zum Thema Verstummte Stimmen (Podcast der ARD) vor einem vollen Festspielhaus, das ihn für seine Rede stehend feierte. Friedman setzte sich in seiner Rede dafür ein, dass es zu einer Streitkultur gehöre, sich anschließend die Hand zu reichen. Der promovierte Philosoph verwies zurecht auf die relativ kurze Zeitspanne von 300.000 Jahren, seit es den Homo Sapiens gibt, sowie auf die Entwicklung, die 1700 begann und als Epoche der Aufklärung bekannt wurde. Er erinnerte an die Leistungen dieser Aufklärung, nämlich die Gleichberechtigung, Bildung, Menschenrechte und das Gemeinwohl als Staatspflicht, also all die selbstverständlichen Leistungen, die man heute in unserer Welt ausschließlich in einer Demokratie bekommt. In dem Zusammenhang verwies er darauf, dass alle Zuweisungen in Form von die anderen falsch sind, da es sich in der Regel um die Zusammensetzung von Individuen handelt, die als solche wahrgenommen werden wollen. Mit anderen Worten, man ist angehalten, zu differenzieren, anstatt zu verallgemeinern. Seine Rede war wie ein äußerst lebendiger Vortrag in guter Bürgerkunde, wie ihn jeder gehört und in der Diskussion verinnerlicht haben sollte, um das gar nicht so Selbstverständliche wertschätzend zu bewahren. Er verwehrte sich gegen Hass in jeder Form, konkret aber gegenüber Gruppe, wie wir es schon alle erlebt haben. Denn die Geschichte unserer Welt ist voll solcher auf Vorurteilen begründeten Hassgeschichten nicht nur gegen die Juden, sondern vor allem gegen Frauen, denen bis heute weitgehend die Gleichberechtigung verwehrt wird. Wir dürfen daher nicht wegschauen, wenn in Staaten wie Afghanistan und dem Iran Frauen brutal verfolgt, erniedrigt und ermordet werden. Michel Friedman nutzte die Gelegenheit für ein großartiges Plädoyer für die Demokratie und verwies darauf, dass die AfD als Nachfolgeorganisation der Nationalsozialisten ebenso das Ziel verfolgt, die Demokratie abzuschaffen, um wieder eine Diktatur zu errichten. Die öffentlich-rechtliche ARD machte einen Tag später aus einer fulminanten Rede einen Mini-Podcast, in dem Sie so gut wie nichts erfahren. Das ist ein Vergehen am Auftrag der Öffentlichkeitsarbeit. Denn das Filmteam war bis zum Ende der Rede anwesend und hat demnach mitbekommen, wie häufig der Redner für seine Ausführungen den Applaus eines fast vollständig gefüllten Festspielhauses bekam. Das heißt, dass die Anwesenden darin übereinstimmten, dass die von Michel Friedman angesprochenen Punkte wichtig sind, wenn es darum geht, mit der Nazi-Vergangenheit der Familie Wagner offen umzugehen, um den Festspielen in Bayreuth eine neue, von der Vergangenheit unbelastete Chance zu eröffnen, für die die Erbin Katharina Wagner kämpft.
Wie das Buch Arteigene Musik. Artfremde Musik im Nationalsozialismus bestätigt, hatten die Nazis begründet Angst vor Vielfalt und Kreativität. Ein Volk auf vielfältigen Wegen und mit einem hohen kreativen Potenzial zur Lösung der Probleme des Alltags ausgestattet ist kontraproduktiv, wenn man das gleiche Volk mittels Demagogen im eigenen Interesse lenken und leiten möchte. Angeblich suchten die Nazis bei der Musik Beständigkeit und fanden diese in der Rückwärtsgewandtheit und in entsprechenden Angeboten von Komponisten wie Richard Wagner, der seine Form des musikalischen Storytellings in Opernform mit seinem Antisemitismus verband, der ganz auf der Linie der Nationalsozialisten lag. Michel Friedman griff diesen Punkt in seiner Rede auf und sagt: Ich habe noch nie Angst vor Vielfalt gehabt. Nur vor Einfalt. Die Nationalsozialisten entwickelten eine eigenartige Theorie darüber, was arteigene bzw. artfremde Musik sei. Damit setzten sie die verbliebenen Komponisten massiv unter Druck. So konnte sich der Zeitgeist der Musik in der Welt ganz anders als in Deutschland entwickeln. Die von den Nazis gelegten Strukturen kann man bis heute verfolgen. So heißt es im Beitrag des BR Mediathek bei ttt-titel thesen temperamente 26.07.2026 (Minute 0:25) dass 2026 der Kulturstaatsminister beim Festspielhaus finanziell mit Millionen aushilft, dafür aber die Zuschüsse für die zeitgemäßen Musikformen kürzt.
Wie wir heute wissen, blieben die meisten Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg in ihren Ämtern und Funktionen. Man geht davon aus, dass der Einfluss dieses Ungeistes über zahlreiche Amtsstuben hinweg bis mindestens zum Jahr 2000 gewirkt hat. Um dem Volk einen Ersatz für die üblicherweise zeitgemäße Kunstform der Musik zu bieten, hob man die Alte Musik künstlich in die Position der Zeitgemäßen Musik. Das haben Sie schon gelesen. Doch wie erreichte man das? Das gelang in Deutschland äußerst erfolgreich, indem die Alte Musik institutionalisiert wurde. Das heißt, wenn Sie heute Musik studieren wollen und auf dem Studiengang nicht ausdrücklich Jazz oder Rock/Pop steht, dann bekommen Sie immer und ausschließlich Alte Musik vermittelt. Sie lernen und studieren lediglich die Reproduktion der Alten Musik. Das bedeutet in der Konsequenz, dass es nicht mehr um Neues, Eigenes und Einmaliges als Merkmal der Differenzierung und somit als Grundlage für das Filtern zwischen mehr oder weniger guter Kunst geht. Nein, es geht immer um die gleichen Werke, die ausschließlich auf den gleichen Instrumenten gespielt werden! Folglich ist es genau genommen unmöglich, dass sich z.B. die reproduzierenden Tastenartisten voneinander unterscheiden können. Wenn das Instrument immer das Gleiche und die zur Verfügung stehenden Werke immer identisch sind, dann sind Klavierwettbewerbe kein Witz, sondern ein Verbrechen am Potenzial der jungen Menschen, die sich im Vertrauen auf die Begleitung durch die Erwachsenen dieser Auswahl ohne echte Auswahlkriterien stellen. Hier wird das exklusive Potenzial besonders eifriger junger Menschen eines Landes verbrannt, das an anderer Stelle nicht mehr zur Verfügung steht, wenn es nämlich um die Entwicklung von neuen Kompetenzen geht. Exakt das haben die Chinesen 2018 nicht etwa erkannt, als sie ihren Klavierboom abrupt beendeten, sondern diese Botschaft wurde Ihnen aus dem Jenseits von Kindern und Jugendlichen übermittelt, die sich offensichtlich in für die Regierung überraschend hoher Zahl dem totalen Leistungsterror des Systems entzogen haben. In dieser falsch konstruierten Welt funktioniert natürlich auch kein Marketing. Daher fehlt das Fach Marketing konsequent in allen Studiengängen zur Alten Musik. Zumindest an dieser Stelle ist das System gegenüber den durchaus Willigen ehrlich.
Auch die bis heute anzutreffende Struktur, dass wir in der Regel Klassik lernen, wenn wir ein klassisches Instrument lernen wollen, ist eine Leistung der Nationalsozialisten. Durch die Reichskulturkammer sicherten sie einen einheitlichen Ausbildungsstandard der Lehrkräfte. Diese lernten ausschließlich Klassik, folglich lehrten sie auch eine klassische Musik, die sich auf die Reproduktion der bereits vorhandenen Werke beschränkte. Das Ziel der musikalischen Ausbildung ist zum Großteil bis heute nicht Musikalität und die Fähigkeit, Musik nach eigenem Empfinden gestalten, also komponieren oder auch improvisieren zu können. Dass Kinder bereits über die Musikunterricht in der Schule geprägt werden, war im Sinne der Machthaber. Hitler hatte schon früh die Vision eines Krieges. Daher war ihm die Musik wichtig, um darüber ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. In dem Zusammenhang erkannte Hitler auch die Bedeutung des Radios als Medium zur Beeinflussung des Volkes. Um schnellstmöglich und für jeden erhältlich ein Bindeglied zwischen Führer und seiner Gefolgschaft zu ermöglichen, sprach Hitler bereits ein Monat nach seiner Machtergreifung mit dem Berliner Siemens-Werk, damit diese einen für die gesamte Bevölkerung erschwinglichen Empfänger herstellen (Aus Arteigene Musik. Artfremde Musik im Nationalsozialismus Kapitel 3.1.3, S. 17).
Der Kontrollapparat der Nationalsozialisten war bei der Musik am erfolgreichsten. Der Kern des Nationalsozialismus besteht nicht etwa darin, etwas aufzubauen, sondern es geht immer nur um Zerstörung. Darum bieten sich die Nazis auch weltweit an, wenn es darum geht, skrupellos vorhandene Strukturen zu zerstören, wie aktuell z.B. die Demokratie in USA. Die deutschen Nationalsozialisten der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts hatten erkannt, dass die Gefahr von den Komponisten ausgeht. Also mussten diese beseitigt werden. Das gelang durch den Kunstgriff der Neuen Musik als Alternative zu der zyklisch immer wieder das Alte ersetzenden Zeitgemäßen Musik. Die Neue Musik wurde im neu entstandenen Mainstream-Medium Radio abgeschaltet. Stattdessen wurde bei Parteitagen und ähnlich ideologisch prominenten Veranstaltungen die Alte Musik hofiert. Die Komponisten waren ja längst tot. Sie konnten sich somit nicht mehr gegen diese Form des Missbrauchs ihrer Kunst verwehren. Durch die bereits angesprochene Institutionalisierung machte man die Alte Musik zur Zeitgemäßen Musik. Kreativität als Treiber für Kunst war grundsätzlich unerwünscht. Die Erziehung zur Reproduktion über die Alte Musik verfolgte als Ziel den berechenbaren und leicht lenkbaren Bürger. Das wird erreicht, wenn man die Menschen kontinuierlich dazu anhält, Vorgaben möglichst exakt einzuhalten. Wie eingangs bereits angedeutet, werden daher heute hauptsächlich Kinder in diesen Unterricht und den damit verbundenen Erziehungsprozess geschickt. Die Eltern durchschauen die mit der Methode verbundene Manipulation und entziehen sich daher in der Regel diesem Weg auch oder gerade dann, wenn sie massiv darauf achten, dass ihre Kinder fleißig üben...
Die Auswirkungen, die von diesem scheinbar kleinen Bereich der Kultur ausgehen, den man hinsichtlich seiner wichtigsten Kraft, der Kreativität, vollständig kastriert hat, sind gigantisch. Vor 150 Jahren war Deutschland das Land der Entwickler. Die Wissenschaft und unzählige Erfindungen erblickten hier sowie in unseren Nachbarländern das Licht der Welt. Wir erleben uns gegenwärtig als Teil eines Europas, dessen Zukunft von bestehenden Abhängigkeiten sowie dem Faktor Zufall bestimmt wird. Der Trend ist eindeutig, dass wir als Teil von Zentraleuropa jeglichen Anschluss an unser früheres Potenzial verlieren. Gleichzeitig türmen sich weltweit die globalen Probleme auf, die nur mit Hilfe der Superkräfte Kreativität und Miteinander gelöst werden können. Um Ideenreichtum und damit verbunden die Fähigkeit zur Gestaltung bestmöglich zu entfalten, wäre die Musik ein herausragendes Feld, wenn man sie komplett anders als heute üblich angehen würde.
Das existenzielle Interesse der Klavierbauer an der Alten Musik
Der Witz an dieser Geschichte ist, dass sich das System mit den jüngsten Entwicklungen wie beschrieben selbst entlarvt. 2013 hat sich der Hedgefondsmanager John Paulson Steinway & Sons unter den Nagel gerissen, als der koreanische Konzern Samick gerade dabei war, die Übernahme der Exklusivmarke abzuschließen. Die Tatsache, dass ein Hedgefondsmanager eine kulturell bislang relevante Marke übernommen hatte, schockierte erst einmal mehr, als die mögliche Übernahme durch die Asiaten. Man ging davon aus, dass der Hedgefondsmanager seinem Trieb folgend das Unternehmen in Kleinteile zerschlagen und zu höchsten Preisen verhökern würde. Doch dieses von der Presse skizzierte Schreckensszenario trat nicht ein. Stattdessen erlaubte der neue Inhaber seinen Angestellten etwas für diese Marke absolut Ungewöhnliches, nämlich die Entwicklung des Selbstspielers Spirio. Die Zielgruppe dieses neuen Instruments sind die Superreichen, die sich einen Steinway-Flügel leisten wollten, ohne erst lernen zu müssen, wie man das für musikalische Höchstleistung ausgelegte Musikwerkzeug angemessen spielt. Der Selbstspieler war die Lösung und führte dazu, dass Spirio heute mehr als 40 Prozent des Umsatzes von Steinway ausmacht.
Exkurs: Erinnern Sie, als ich Ihnen oben davon berichtet habe, dass die Menschen früher danach strebten, sich mit Kultur förmlich aufzuladen, um darüber zu einem besseren Menschen, einem Menschen mit Mehrwert zu werden? Dieses Muster hat sich nun geändert. Die Superreichen sagen nämlich: Ich bin bereits der bessere Mensch, denn ich habe mehr als Kultur, nämlich das Geld, um mir einen Steinway inklusive einer Maschine zu kaufen, die für mich spielt!
Fortsetzung: Einerseits könnte man diese Verkaufsstrategie als ein Meisterstück des Marketings interpretieren, das darin besteht, Nicht-Klavierspieler als Kunden für den Klaviermarkt zu gewinnen. Dafür ist John Paulson der richtige Mann, denn er ist ebenso wie der Steinway-Gründer Heinrich Engelhard Steinweg kein Klavierspieler. Dass dieser scheinbar geniale Marketingschritt nun ausgerechnet der Marke Steinway & Sons gelungen ist, deren Erfolg und Weg ja gerade durch die enge Partnerschaft mit den Hochleistungs-Klavierspielern, den Pianisten, geprägt ist, bleibt makaber. Denn der edle Flügel der Premiummarke Steinway & Sons fand so seinen neuen Weg von den Konzertbühnen der Welt zu den Partys der Superreichen und dient dort als Gag, da er nicht mehr von einem Barpianisten, sondern von einer Maschine bespielt wird. Der Sieg der Maschine über die Kultur. Der Sieg der Technik über den Menschen. Man muss es noch einmal erwähnen: Und das im Namen der Premiummarke Steinway & Sons. Die Musik ist im Zirkus angekommen: Als Reproduktion wird sie sowohl auf Konzertbühnen von den besten Reproduktionskünstlern, als auch auf den Partymeilen von ebenso reproduzierenden Maschinen am Nasenring vor einem gut zahlenden Publikum durch die Manege geführt.
Wie kann die Transformation von der Reproduktion zur Kreation gelingen?
Bei meiner zuletzt geäußerten Kritik muss ich ehrlicherweise differenzieren. Denn wir erleben ja heute Meisterinnen und Meister ihres Fachs auf der Bühne, die sich ihr Leben lang ausschließlich der Reproduktion verschrieben haben. Sie haben nicht etwa nur Klavier studiert, sondern sie haben ihr Leben dem Studium der Kompositionskunst der alten Meister gewidmet. Diese Pianistinnen und Pianisten sind zum Großteil schon im hohen Alter und zeigen uns nebenbei, dass man weltberühmt sein kann, und trotzdem daran Freude hat, weit über die Rente hinaus noch zu musizieren. Erleben Sie Martha Argerich (1941) bei der Zugabe mit den Kinderszenen von Robert Schumann
Sehen Sie einen bemerkenswerten Vergleich dieser Grande Dame, Martha Argerich, mit sich selbst im Jahr 1985 und 2022 bei dem gleichen Stück live gespielt:
Mit der Performance dieser Altmeister ermöglichen Sie uns ein Erlebnis, das qualitativ - außer vermutlich bei den großen Improvisationskünstlern wie z.B. Johann Sebastian Bach - heute intensiver und hochwertiger ist als früher. Das heißt, sie bieten uns heute live die Möglichkeit, den hohen Stand der Klavierspielkultur zu erleben, der über genau genommen nur 250 Jahren entwickelt worden ist. Der Weg von der Spieltechnik Bachs bis hin Klavierspieltechnik Liszts ist beeindruckend und er wurde angetrieben von zahllosen höchst kreativen Menschen, die den Spielraum des Pianofortes mit seiner Anschlagsdynamik sowie dem Tonraum von über 7 Oktaven spieltechnisch auszureizen versuchten. Mit anderen Worten: Sie waren bestrebt, die ihnen zur Verfügung stehenden zeitgemäßen Möglichkeiten umfassend einzusetzen.
Die Vorgeschichte der Entwicklung der Klavierspielkultur hat die Wesenszüge eines Dramas. Es stellt sich einerseits als eine wunderbare Welt dar, wenn man sich an die Regeln und Tabus hält. Überschreitet man diese, wird man ausgegrenzt und damit ausgebremst. Das ist die Geschichte des kroatischen Pianisten Ivo Pogorelich (1958). Er entwickelte das Talent, die alten Meister aus seiner eigenen Sicht zu spielen. Dazu fand er glücklicherweise die Unterstützung durch eine Klavierpädagogin. Doch als er 1980 am Chopin-Wettbewerb teilnahm, kam es zu einem Eklat. Drei der Juroren gingen an die Presse. Eine davon, nämlich Martha Argerich, verließ den Wettbewerb mit der Bemerkung, Ivo Pogorelich würde auf höchsten Niveau spielen, wie das wohl kaum sonst jemand auf der Welt heute kann. Hier sind die Originalaufnahmen des Chopin-Wettbewerbs von 1980:
Aufgrund dieser Geschichte lässt sich zu den Musikwettbewerben feststellen: Die Juroren haben gar nicht die Aufgabe und Funktion, das Richtige zu sichten, also Talente zu entdecken, und diese über die Ersten Plätze für eine Karriere zu empfehlen. Vielmehr sitzen dort Tugendwächter, die über die Einhaltung der nirgends festgelegten Regeln und Tabus wachen. Im Klartext: Sie sollen Grenzüberschreitungen (und die damit verbunden möglichen Entwicklungen) ausbremsen. Wie immer, wenn ein System nicht wirklich Positiv ausgerichtet ist, verfolgt man keine Potenzialentfaltung, sondern beschränkt sich bei der Qualifikation auf die Selektion. Das betrifft die Supertalente, die das System mindestens in seinen Grundfesten erschüttern würden. Toller Wettbewerb, der Veränderung verhindern soll! Wie man bei Wikipedia lesen kann, wurde und wird Pogorelich vom Publikum gefeiert und von der Kritik zerrissen. Wer will, dass Veränderung gelingt, muss andere Wege wählen, als über das System.
Unser Drama erzählt die Geschichte einer inneren Zerrissenheit, die sich nur auflösen lässt, indem man die Welt der Musik in unterschiedliche Universen aufteilt, wie wir das schon lange erleben. Man trifft in der Regel keinen aus dem einen im jeweils anderen Universum, vermutlich aufgrund der Angst, man würde sich im jeweils anderen Universum in einen Alien verwandeln. Die Meister aus der Ära der Alten Musik waren gleichzeitig kreativ als Komponisten sowie als Entwickler der Klavierspielkultur. Sie gingen immer ein bisschen über den aktuellen Stand der Kompositions- und Klavierspiel-Technik hinaus. Heute hingegen dürfen wir im Höchstfall die Klavierspieltechnik auf dem Stand der Technik vermutlich von Franz Liszt (1811 - 1886) lernen und anwenden auf die bereits bestehenden Kompositionen, wenn wir in dem Universum der Alten Musik verharren. Das veweist direkt auf den Kern unseres Dramas, nämlich auf das eigentliche Problem: Über die fremden Werke kann der Interpret nicht wirklich seine Gefühle ausdrücken - wenn man ihm keinen Freiraum zur Improvisation öffnet! Da hilft auch keine noch so hochwertig einstudierte Pantomime. Die ist wiederum meiner Ansicht nach heute derartig aufgesetzt und theatralisch, dass ich den Musikern die Absicht unterstelle, dass Sie darüber nicht einmal mehr ihre Gefühle ausdrücken wollen, sondern sie lediglich die Unfähigkeiten im Ausdruck ihres Instruments, des Pianofortes, zu überspielen versuchen. Von jedem Profi muss ich annehmen, dass er über die unzähligen Leerstellen zwischen zwei Tönen auf der Klaviatur weiß. Allerdings muss das nicht bedeuten, dass diese Musiker gleichzeitig auch wissen, dass es aktuell bereits sehr fortgeschrittene Entwicklungen gibt, die uns Instrumente bieten, die sämtliche Lücken zwischen, unter und auf den Tasten mit konkreten Möglichkeiten des Ausdrucks belegen. Erst über ein entsprechend leistungsfähiges Instrument, lassen sich Gefühle umfassend ausdrücken. Die Weiterentwicklung der Klavierspielkultur wird diesmal von der Technik und somit von den neuen technologischen Möglichkeiten getriggert. Diesem zeitgemäßen Weg müssten vor allem die Klavierbauer eigentlich ganz selbstverständlich folgen, wenn sie das MEM der Tasteninstrumentebauer für sich umfassend in Anspruch genommen hätten, anstatt sich für immer auf die Vergangenheit beziehen zu wollen. Dass die Klavierbauer die Füße still gehalten haben, als die Nazis entsprechend vorgingen, da ihnen die Entwicklungen damals ja zu Gute kamen, ist nachvollziehbar. Aber diese widerlichen Geschehnisse sind aktuell doch mindestens seit 81 Jahre vorüber. Damit wenigstens die Musiker und Musikpädagogen heute den Anschluss an die zeitgemäße Entwicklung bekommen können, braucht es einen außergewöhnlichen Schattensprung, der uns wieder an den Anfang unseres Dramas bringt, also zum eigentlichen Kernproblem: Für den Ausdruck der eigenen Gefühle, braucht es zuerst einmal die eigene Musik! Vermutlich wollen Sie jetzt vehement widersprechen und vor allem auf das erste Video oben, in dem Trifonov zuerst Chopin und dann Schumann spielt, verweisen. Trifonov kann doch sehr gut nicht nur Gefühle ausdrücken, sondern in seinen Zuhörern auch Gefühle auslösen. Das stimmt. Daniil Trifonov (1991) geht mit den Möglichkeiten, die zur Lebzeit von Chopin (1810 - 1849) und Schumann (1810 - 1856) entstanden ganz hervorragend um.
Das ist so ein Beispiel für ein wirklich kritisches Element in dieser höchst spannenden Diskussion: Der musikalische Ausdruck und die technischen Möglichkeiten dazu. Auf den ersten Blick ist es kaum vorstellbar, dass da noch mehr möglich sein soll. Das ist lustig, denn wir nicken alle mit dem Kopf, wenn wir lesen, dass eine musikalische Performance gut ist, wenn sie ausdrucksstark und gefühlvoll ist. Doch, was dieses Wort ausdrucksstark konkret bedeutet, darüber haben wir uns bislang kaum Gedanken gemacht. Wenn wir also ernsthaft versuchen, den Begriff mit konkreten Inhalten zu füllen, dann kommt uns ausgerechnet die aktuelle Entwicklung entgegen. Denn in der zeitgemäßen Musik aktualisiert man die 1983 konstruierte Schnittstelle zwischen Musikinstrument und der digitalen Welt, MIDI, auf MIDI 2.0. Diese Erweiterung enthält als ein Standbein einen eigenen Bereich ausschließlich für die Möglichkeiten des Ausdrucks, MIDI Polyphonic Expression, abgekürzt MPE. Wir müssen uns als wegen der Inhalte gar keinen Kopf mehr machen, sondern brauchen nur dorthin schauen und bekommen ein Füllhorn an Möglichkeiten geboten. Blicken wir nun zurück auf die Möglichkeiten unserer akustischen Instrumente, dann stellen wir einerseits fest, dass bestimmte Instrumente derartige Möglichkeiten, die man Effekte nennt, bereits integriert haben, sie aber in der Alten Musik so gut wie nicht nutzen. Betrachten wir dann unser Klavier, erschrecken wir, weil unser Pianoforte hinsichtlich der Möglichkeiten zum musikalischen Ausdruck tatsächlich fast ein Totalausfall ist. Da geht gerade mal laut und leise, aber z.B. keine Intonation, kein Vibrato, von anderen Effekten ganz zu schweigen. Um unseren Ist-Stand zu schützen, anstatt ihn zu erweitern, brechen wir also eine Diskussion vom Zaun, wem die Ausdrucksmöglichkeiten überhaupt nutzen. Schließlich ging es beim Pianoforte und der oben so hoch gelobten Klavierspielkultur seit 300 Jahren auch ohne diese Features gut. Das wiederum bringt uns an den Punkt, über Musik grundsätzlich zu sprechen. Das Ergebnis könnte sein, dass Musik ein Werkzeug ist, um Gefühle ausdrücken und in den Zuhörern auslösen zu können. Nun haben wir das Wort Ausdruck in der Kerndefinition. Es ist also an der Zeit, dass wir uns den Inhalten und den im Klavier fehlenden Möglichkeiten dazu auch stellen. Oder sehen Sie das anders? Fangen wir mit den Gefühlen an. Sind diese sinnvoll und wichtig? Scheinbar schon, sonst hätten wir sie ja nicht. Wie uns die Neurologen heute bestätigen, ist immer zuerst ein Gefühl da, bevor der Verstand mit seiner Arbeit einsetzt, um nämlich das Gefühl zu bestätigen. Konkretes Beispiel: Die oben angeführten Ableitungen sind logisch und rational nachvollziehbar. Aber wir lieben unser Klavier! Wir wollen jetzt nicht einfach zu Digital wechseln! Haben Sie denn noch gar nicht bemerkt, dass weltweit aufgrund der starken Manipulationen durch Facebook, Twitter und Google eine Kehrtwende gibt, nämlich weg vom Digitalen? Doch, das stimmt. Otto Scharmer (MIT) sagt eine Zukunft ohne Internet voraus. Wir könnten also für uns selbst, ganz ohne wirtschaftlichen Einfluss und Interessen überlegen, wie der weitere Weg gestaltet werden kann. Darüber liest man in Fachzeitschriften oder hört auf Fortbildungen so gut wie nichts. Die Japaner haben gar nicht groß geredet, sondern einfach gemacht. Das Ergebnis ist ein technologisch gutes Hybridpiano. Doch eine Frage könnte z.B. sein: Gibt es dazu keine Alternativen, z.B. andere hybride Lösungen? Und: Was haben wir für Möglichkeiten der Entwicklung? Wir könnten versuchen, wieder kreativ zu werden! Da kommt Praeludio und bietet konkrete Hilfe an, indem die Themen überhaupt erst einmal angesprochen und diskutiert werden. Wenn Sie jetzt einen Blick auf meine bereits verlinkte Homepage www.hybrid-piano.de werfen, dann finden Sie dort eine Vielzahl an konkreten Informationen sowie bereits Hinweise auf mögliche Lösungen bis hin zu einer Anleitung zum Selbermachen! Sie spüren es jetzt selbst, dass wir uns in einer dramatischen Entwicklung befinden. Lassen Sie uns also diese Gedanken fortsetzen:
Erlauben Sie mir den Vorschlag, dass eine richtig verstandene Musikvermittlung höchst individuell und dialogorientiert ist. Sie muss sich auf den einzelnen Menschen und seine Möglichkeiten beziehen. Bislang sind Sie einverstanden? Gut, gehen wir weiter: Sie nutzt dabei ganz selbstverständlich die zeitgemäßen Möglichkeiten. Diese Herangehensweise führt uns über die umfassenden Möglichkeiten der Musik zur Entwicklung von Kreativität, zur Entspannung, zum Gesund bleiben, im Rahmen der Musiktherapie zum Wieder leistungsfähig werden,... Genau dieses Potenzial gilt es für den einzelnen sowie für die Gemeinschaft zu entfalten. Lauschen wir zum Schluss einem der großartigsten Pantomimen, Samy Molcho, was er uns zu sagen hat.
Zu viel Geld scheint zu einem unverantwortlichen Umgang zu motivieren
Vor kurzem bekam die Öffentlichkeit die Erklärung dafür, warum John Paulson an einem positiven Bild von sich und seinem Unternehmen Steinway & Sons interessiert war. Es wurde bekannt, dass er Trump berät, dessen Wahlkampf zu wesentlichen Teilen finanziert sowie sich als Finanzminister unter Trump beworben hat, der vor seiner Wahl zum US-Präsident zugegeben hat, dass er die Demokratie zerstören wolle. Ist die einstige Premiummarke Steinway & Sons ein Fall von Schönfärberei der Weste von John Paulson? Ja, das ist exakt die zutreffende Erklärung. Nachdem mittlerweile (Januar 2025) klar sein dürfte, dass er dieses Amt nicht bekommt, wird für ihn das seit 2018 vorliegende Kaufangebot aus China mit 1 Milliarde Dollar für Steinway vielleicht wieder interessant. Doch Moment mal, in China soll es seit dem Stopp der Regierung 2018 für das staatlich verordnete und vom Staat subventionierte Klavierspiel mittlerweile 1 Millionen fabrikneue Klaviere auf Halde geben. Den chinesischen Klavierbauern, die gerade noch im Kaufrausch waren, ist längst das Geld ausgegangen, was aktuell Grotrian-Steinweg und Schimmel zu spüren bekommen, die sich leichtsinnig an die Chinesen veräußert haben. Bleibt John Paulson nun also auf dem einstigen Premium-Unternehmen sitzen, das mangels zu erwartender Nachfrage keiner mehr haben will?
Die Anforderungen für den richtigen Gebrauch der Musik kommen aus der Zukunft
Früher war es normal, dass man sich mit zeitgemäßer Musik und mit den zeitgemäßen Formen des Musizierens beschäftigt hat. Heute muss man das erst ableiten und sich damit verbunden gegen den Missbrauch von Musik rechtfertigen. Das zeigt, in welcher Schieflage wir uns mittlerweile befinden. Es ist längst überfällig, Musik dafür zu be-nutzen, um darüber die eigene Kreativität als DIE zentrale Problemlösungskompetenz entwickeln zu können! Die Korrektur der Schieflage ist wie schon erwähnt eine Frage des Überlebens. Denn um nichts weniger geht es bei den heranwachsenden Generationen: Um deren Überleben. Wir hinterlassen den Kindern eine geplünderte und in den Grundfesten zumindest stark gestörte Welt. Viel zu wenige der aktuell Lebenden und keiner der für das Schlamassel Verantwortlichen macht sich Gedanken oder hat gar einen Plan, wie man das komplexe Gewirr aus Problemen verbunden über den Dominoeffekt derart auflösen kann, dass am Ende auf unserem Planeten wieder ein funktionierender Lebenskreislauf entstehen könnte. Alleine schon die Frage, wie man die Masse der Menschen dazu bringt, das eigene Verhalten entsprechend den Gegebenheiten anzupassen, scheint offensichtlich unmöglich. Man lebt in einer Art Endzeitstimmung und verdrängt einfach alles, was gerade nicht ins Schema passt. Anstatt sich selbst, das Leben und die Welt auf das Überleben wenigstens der eigenen Kinder auszurichten, werden diese auf Hochleistung für spätere angesehene Berufe, also für noch mehr Hamsterrad, getrimmt. Und ausgerechnet für dieses Szenario missbraucht man die Musik. Der Missbrauch besteht darin, dass wir seit Anfang 1900 gar nicht mehr dazu anleiten oder den Weg dorthin eröffnen, dass ein ganzheitlicher Musiker entsteht. Einer, der seine eigene Musik entfaltet und diese zeitgemäß spielt.
Die Neue Musik war atonal, spiegelte die vor uns liegende grausame Zeit, und wurde daher von vielen Zeitgenossen gemieden. Gibt es heute in der Zeitgemäßen Musik wieder so etwas wie die Neue Musik? Ja, das gibt es: Techno. In den 70er und 80er Jahren war die entstehende elektronische Musik von zahlreichen Musikern zeitkritisch gemeint. Heute ist der dumpfe Techno und seine Varianten wie House etc. eine weit verbreitete und folglich beliebte Tanzmusik. Eine Musik, die uns immerhin tanzen lässt. Das Bedürfnis der Menschen auf Lebenslust, das sich im Tanz ausdrückt. Davon hatten wir doch gerade erst gelesen? Ja, das war nach dem Ersten Weltkrieg und damals vor allem der Swing-Jazz! Inzwischen ist musikalisch in USA viel geschehen. Aus Soul wurde Funk. Dieser Stil vermischte sich mit Jazz zu Fusion. Neben den bereits erwähnten Stilen elektronischer Tanzmusik Techno und House gibt es Hip-Hop und viele andere Stilrichtungen. Vielfalt. Und Kreativität. Als zeitgemäßer Ausdruck von Emotionen über die Musik. Vielfalt und Kreativität. Das war es, wovor die Nazis Angst hatten. Vielfalt und Kreativität sind die Elemente, die ein gesundes Gemeinwesen für seine natürliche Entwicklung benötigt. Hm. Die USA als Beispiel für eine gesunde Gesellschaft? Nein, eben gerade nicht. Aber als ein ausgezeichnetes Beispiel für eine Gesellschaft mit einer Vielzahl an extremen Reibungspunkten. Eine Gemeinschaft, die eine irrsinnig starke Spannung aushalten muss. Damit das gelingt, braucht sie diese Vielfalt und den kreativen Ausdruck der inneren Befindlichkeit über eine Musik, die uns in Bewegung bringt, die uns tanzen lässt, damit wir die in uns aufgestaute Energie, diesen Mix aus Sehnsucht nach Besserung und unglaublicher Wut, abtanzen können. Die großartige Rolle und Bedeutung der Musik. Für den einzelnen Menschen und für die Gemeinschaft.
Daher komme ich zu dem Schluss: Vermutlich würden nur wenig Menschen dorthin wollen, wo wir heute sind, wenn man ihnen fairerweise vorher die Alternativen aufzeigen würde. Die eigenen Gefühle, die aktuelle Befindlichkeit über die Musik ausdrücken und beeinflussen, ist ein guter Ansatz. Mit anderen über die Musik in einen musikalischen Dialog treten können, erscheint einem auf sich selbst bezogen ein unglaublicher Traum zu sein, vor allem, wenn man zuerst den Weg der Reproduktion über Noten kennengelernt und geübt hat, wie das mittlerweile vermutlich den meisten Menschen unseres Kulturkreise in Zentraleuropa passiert ist. Wie in meinem Blogs mehrfach angesprochen, war Musik früher freier. Daher konnte man damals auch noch Improvisieren. Diese hohe Kunst ging mit zunehmender Reglementierung in der Alten Musik verloren. Die Improvisation macht dort auch gar keinen Sinn mehr, da man dort ja eh nur noch das längst Bekannte immer und immer und immer und immer wieder reproduzieren und hören will. Das ist das Gesetz und die Macht der Gewohnheit. Aber man kann den verloren gegangen Weg zum Lernen der Improvisation wieder entdecken. Man braucht ja nur mal auf die gelungene Neue Musik, also den Jazz, schauen, wie man Improvisation dort entwickelt und lernt. Tatsächlich gibt es für das Wünschenswerte zahlreiche Vorbilder zu entdecken, wenn man sich den Schattensprung von der Alten Musik zurück in die zeitgemäße Musik zutraut. Organisiert man das Musizieren von Anfang als methodisch und didaktisch unterschiedlich gestaltete Spielräume, in denen man eigene Erfahrungen macht und Einsichten in die jeweilige Thematik gewinnt, dann öffnet man so den Weg zur Entfaltung der eigenen Talente. Über diesen Ansatz löst man Positiv-Kreisläufe aus. Das heißt, das aus dem Erfolgserlebnis entstehende Gefühl des Gelingens wird sich auf andere Lebensbereiche, auf meine Grundstimmung und Befindlichkeit übertragen. Anstelle von Druck ermöglicht diese Vorgehensweise eine Sogwirkung. Große Ziele sind erlaubt, wenn es meine Ziele, meine Wünsche, meine Träume, meine Sehnsüchte sind. Unter diesen Voraussetzungen werden die selbst gesteckten Ziele auf mich und meine Fähigkeiten magisch wirken und mich anziehen. Das sind die Nebenwirkungen, die ich freisetze, wenn ich mir das Gelingen erlaube. Diese Form von Pädagogik der Selbstbefähigung braucht weder Zucker noch Peitsche. Die Motivation kommt aus mir selbst. Von innen heraus. Das nennt man eine intrinsische Motivation, die wahre Wunder bewirken kann. Wenn ich diesen Prozess zulasse. Durch Dialoge kann ich ihn anregen. Auch durch den Dialog mit mir selbst. Wenn man für die eigenen Empfindungen sensibel ist, kann man Resonanzen spüren. Aber diese feinfühligen Prozesse können nur stattfinden, wenn ich frei von Druck, frei von Fremdbestimmung bin. Es ist keine Zauberei. Es ist auch keine Kunst. Es ist ein Lassen. Ein Sein lassen. Ein Zulassen. Das Grundvertrauen, sich auf sich selbst verlassen zu können. Daher braucht es von Anfang an Entscheidungen. Zuerst also die Frage und Entscheidung darüber, was ich will, indem man mir zuerst die Alternativen aufzeigt, was möglich wäre. Hören Sie, was der fantastische Bassist Victor Wooten uns über sein Verständnis von natürlichem Lernen zu erzählen hat. Er nennt es Musik wie eine Sprache lernen.