Piano - quo vadis?

Resonanzmarketing aus der Sicht des Musikers

Ist unser Pianoforte ein Garant für den Stillstand?

Starten wir aus Sicht der europäischen Hochkultur mit einem Blick auf die Mitbewerber aus Asien: Die Japaner begannen bereits um 1900 mit dem Klavierbau. Yamaha (1887) baute anfangs Harmonien und erst ab 1900 Klaviere sowie ab 1902 Flügel. Kawai (1927) produzierte dagegen von Anfang an Orgeln und Klaviere. Yamaha stellte bis heute über 6 Millionen Pianos in Japan her. Kawai verkaufte seit der Gründung über 2 Millionen Instrumente. Zum Vergleich die ungefähren Stückzahlen der noch produzierenden Klaviermarken aus dem Westen:

  • Steinway (gegründet 1853) 600.000
  • Schimmel (gegründet 1885) 370.000
  • Bechstein (gegründet 1853) 200.000
  • Seiler (gegründet 1849) 175.000
  • August Förster (gegründet 1859) 165.000
  • Grotrian (gegründet 1865) 160.000
  • Blüthner (gegründet 1853) 150.000
  • Sauter (gegründet 1846) 120.000
  • Bösendorfer (gegründet 1828) 50.000
  • Steingraeber (gegründet 1852) 50.000
  • Carl A. Pfeiffer (gegründet 1862) 35.000
  • Fazioli (gegründet 1980) 2.000
Und wie sieht es mit den Innovationen im Klavierbau in den vergangenen 100 Jahren aus?

Über Japan kam das Silent-Piano auf den Markt, das erste erfolgreiche Hybrid-Piano, das eigentlich Kemble (England) erfunden hatte. Dank einer Stummschaltung kann man das akustische Klavier abschalten und stattdessen mit Kopfhörern ein Keyboard mit Generalmidi spielen, das als Besonderheit die Eigenschaft besitzt, dass man weiterhin eine Klaviermechanik bewegt und somit das Spielgefühl eines echten Klaviers beibehält. Diese Entwicklung berücksichtigte zeitgemäße Veränderungen hinsichtlich hellhöriger Mietwohnungen und abnehmender Toleranz gegenüber dem Üben als einem notwendigen Teil des Musizierens.

Das erste im Westen entwickelte Silent-Piano mit dem Namen Vario kam 25 Jahre später von Bechstein. Das war quasi das erste Signal eines bei Bechstein einsetzenden Wandels. Zur Ehrenrettung der deutschen Klavierbauer sollte ich erwähnen, dass die alte Klaviermarke Seiler (gegründet in Liegnitz, Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg in Kitzingen) der eigentliche Erfinder einer sehr guten Variante des Hybrid-Pianos war. Für den hohen Grad dieser Innovation erwies sich der Markt jedoch als noch nicht reif genug, soweit man überhaupt versucht hatte, den Markt diesbezüglich zu beeinflussen...

Ungefähr zur gleichen Zeit der Markteinführung des Silent-Pianos brachten die Japaner den Selbstspieler Disklavier auf den Markt. Die schlichte Bezeichnung eines Selbstspielers bekam eine Mehrwert-Kategorie. Das Piano stieg auf zum Reproduktionsklavier. Mit diesen beiden Piano-Mischformen war Yamaha sehr erfolgreich. Unter Insidern erzählte man, dass ein Drittel aller Pianos des japanischen Konzerns mit eingebauter Elektronik verkauft werden. Wenn man das von einem Hersteller sagt, der auf seinen Akustikpianos die Seriennummer über 6 Millionen stehen hat, dann bedeutet das eine überraschend hohe Stückzahl, nämlich ungefähr genauso viele Pianos wie die oben in der Liste aufgeführten Hersteller gemeinsam über 100 Jahre produziert hatten, also rund 2 Millionen. Das besondere an dieser Feststellung ist der zusätzliche Hinweis, dass Yamaha das in nur 30 Jahren und auch noch gegen den weltweit stark rückläufigen Trend im Klavierverkauf geschafft hat. Der deutsche Klavierhersteller Sauter, der 2019 sein 200-jähriges Bestandsjubiläum feiern wird, musste über 70 Prozent Umsatzrückgang hinnehmen. Yamaha gab 2009 den Minderheitsanteil von 24,99 Prozent an Schimmel zurück und schloss im gleichen Jahr das zu 100 Prozent übernommene Werk der Marke Kemble (England). Wenn man in dieser lang anhaltenden Phase eines stark schrumpfenden Marktes 2 Millionen Klaviere mit einer besonderen Zusatzausstattung verkaufen kann, dann ist das der beste Beweis dafür, dass es sich bei dieser hybriden Kombination um den neuen, wirtschaftlich erfolgreichen Trend handelt.

Wie reagierte der Markt? Und wie reagierten die Mitbewerber vor allem aus Deutschland auf die zunehmende Konkurrenz aus dem fernen Japan? Nun der Markt, also Sie, die Käufer, reagierten begeistert. Wettbewerb ist ein Phänomen des Marktes, das dem Kunden mehr Auswahl und meist auch günstigere Preise bietet. Yamaha kam von außen, suchte und stellte sich dem Wettbewerb. Schon seit circa 20 Jahren verkauft Yamaha in Deutschland circa 50 Prozent aller Pianos - und der Marktanteil wächst! Von den Klavierbauern aus Deutschland kam so gut wie keine Reaktion. Anstatt Yamaha zu analysieren, mögliche Erfolgsfaktoren zu selektieren und diese anschließend zu kopieren, schaute man weg. Man überließ die Einflussfaktoren auf den Markt Dritten, wie zum Beispiel den nicht zum Yamaha-Netzwerk gehörenden Klavierhändlern. Die Verkäufer dieser Klaviergeschäfte sowie die Presse versuchten die Leistungen der Japaner schlecht zu reden. Das waren Klavier ohne Seele da es sich um Massenprodukte handelte. Oder man sprach von Plastikklavieren, nur weil in der Klaviermechanik ein Teil aus Kunststoff war. Tatsächlich hat Yamaha bis heute unter den traditionellen Klavierspielern im Westen keinen allzu guten Ruf, was ich auf die Imagebildung durch Presse und Handel zurückführe, die jedoch dem deutschen Klavierbau nicht geholfen hat. Denn Yamaha hat sich gar nicht still und leise zum Weltmarktführer im Bau von Akustikpianos hochgearbeitet, indem die Japaner umgekehrt die Spitzenprodukte im Westen kopiert, analysiert, ausprobiert und darüber gelernt haben, wie man wirklich gute Klaviere bauen kann. Darüber hinaus sind Yamaha und Kawai (leider) die einzigen innovativen Klavierbauer und daher zu recht Marktführer in den Nischen des Silent-Pianos und Disklaviers.

Daraus ergeben sich nun zwei Fragen:

  1. Wie konnte es geschehen, dass japanische Klavierbauer derart im Weltmarkt aufsteigen?
  2. Warum haben die Mitbewerber nicht schon längst die erfolgreichen Konzepte aus Japan kopiert?

Interessanterweise gibt es auf beide Fragen die gleiche Antwort: Die westlichen Klavierbauer hatten sich hinsichtlich der Entwicklung ihre einzigen Produkts, des Pianos, ein Tabu verordnet. Dieses nach außen hin nicht kommunizierte Verbot ermöglichte es einem scheinbar kulturell weit entfernten Mitbewerber Marktführer zu werden. Gleichzeitig verhinderte dieses Tabu die Kopie von Erfolg, der eine Entwicklung bedeutet hätte. Nun schlagen Sie sicher die Hände über dem Kopf zusammen und fragen sich, ob entweder der Autor spinnt, oder wie das sein kann, dass man sich Entwicklung verbietet?

Natürlich ist das Tabu von Entwicklung keine Selbstverständlichkeit. Auch ich habe lange gebraucht, um das Muster zu erkennen, und dann auch zu verstehen. Der Hintergrund für die negative Einstellung gegenüber Entwicklung liegt in der Geschichte der westlichen Klavierfirmen. Dort gab es, wie an der Liste oben abzulesen ist, (außer bei Fazioli) im 19. Jahrhundert einen Namensgeber. Wenn Sie mal bei Wikipedia nach den Namen der großen Klaviermarken suchen, dann werden Sie auf allen Seiten das gleiche Muster finden: Die Beschreibung der Markenstory anhand der Geschichte des Namensgebers! An diesem Muster haben deren Kinder und Enkel nichts geändert. Die Erben waren nur noch die Verwalter, aber nicht mehr die Gestalter der Marke. Jede Entwicklung auf den zeitgemäßen Stand der Technik hätte zwangsläufig ein Überschreiten des vom Namensgeber erreichten Ist-Standes bedeutet und wäre indirekt ein Angriff auf die eigene Marke gewesen, die sich einzig über den Namensgeber definiert. Tatsächlich steht die Marke Steinway für die leichte Spielart und Bösendorfer für den guten Pianoklang. Beide Eigenschaften lassen sich aufgrund von Entwicklungen aus der Vergangenheit objektiv begründen und waren die direkten Ergebnisse der Namensgeber in ihrer Rolle als Erfinder. Eine derartig eindimensionale Markendefinition bietet aber keinen Spielraum für Entwicklung, wird zum Gefängnis und letztendlich zum Symbol für dauerhaften Stillstand.

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Der Markt reguliert, wozu das Management nicht imstande war

Stillstand ist der Untergang

Endlich hat die Branche kapiert: Weiter so ist nicht möglich. Die Reise führt ins Niemandsland. Aber wie kann man das laufende Szenario ohne Gesichtsverlust beenden? Interessanterweise betrachten viele der Erben den folgenden Fall gar nicht als den Worst Case: Man wird gekauft. Was gibt es für Alternativen? Man hätte ja noch die Option, sich selbst zu verkaufen. Wenn Sie der Kultur und hier der Musik nahe stehen, erscheint es Ihnen geradezu pervers. Könnte man sich nicht auch wehren? Also sich zum Beispiel mit Marketing beschäftigen, oder innovativ werden? Offensichtlich ist das unseren großen Klaviermarken nicht möglich. Warum eigentlich nicht? Auch wenn Sie das jetzt hart treffen wird: Es scheint der Glaube an die Zukunftsfähigkeit des eigenen Produkts zu fehlen! Nein, das ist unglaublich. Gut, schauen wir also, wie unsere Marketing-Story weitergeht:

Bösendorfer (Wien) und Steinway (New York) wurden (wieder einmal) gekauft. Bösendorfer entschied sich 2007 für Yamaha und damit gleichzeitig gegen einen chinesischen Interessenten. Steinway wurde 2013 in einem Handstreich von dem Hedgefondsmanager Paulson übernommen. Wilhelm Steinberg (Thüringen) erfuhr 2013 eine feindliche Übernahme durch den chinesischen Partner, was Grotrian (Braunschweig) nicht davon abhielt, mit dem gleichen chinesischen Konsortium eine Partnerschaft einzugehen, was 2015 zur Übernahme von Grotrian durch die chinesische Parsons Music Group führte. Schimmel (Braunschweig) wartete nicht auf Anbieter, sondern bot sich 2016 selbst zum Verkauf an den größten chinesischen Klavierproduzenten an. Bechstein (Berlin) wiederum hatte wohl keine Lust auf diese Form von Kontrollverlust. Daher schaute man sich im Kreis seiner Anhänger um und guckte sich mit Stefan Freymuth den Erben eines Immobilienimperiums aus. Der durfte 2013 Bechstein und 2016 auch die Geschäftsführung übernehmen.

Als 2013 der erwähnte Hedgefondsmanager John Paulson überraschend Steinway-Sons übernahm, fragten sich alle an der Klaviermusik Interessierten, wie es mit Steinway weitergehen würde. Paulson stand im Rampenlicht und musste Antworten liefern. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass ein Hedgefondsmanager Steinway übernehmen konnte?

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Wie kam der Hedgefondsmanager zu seinem Spitznamen?

John Paulson – The King of Cash

John Paulson verfügte als Hedgefondsmanager über ausreichend Kapital und gute Kontakte zu Geldgebern. Vor diesem finanziellen Hintergrund spekulierte er im Rahmen der Immobilienkrise 2007 erfolgreich gegen sein eigenes Land. Die unter sozialen Gesichtspunkten kritisch zu beurteilende Form der Investition basiert auf einem dubiosen Hintergrund. Denn John Paulson selbst initiierte den so gewinnträchtigen Fond bei Goldman Sachs. Die daraufhin fällig werdenden Zahlungen führten auch bei deutschen Banken zu sehr hohen Verlusten! Für den sich daraus ergebenden außergewöhnlich hohen Überschuss seiner Jahresbilanz bekam er den Titel des King of Cash verliehen. Denn Paulson gewann durch spekulative Optionsscheine an der Börse in nur einem Jahr 3,7 Milliarden Dollar und so konnte er es sich 2013 leisten, das immer noch im Ruf einer Edelmarke stehende Unternehmen Steinway & Sons für 386 Millionen Euro den zum Kauf bereiten Interessenten vor der Nase wegzuschnappen. Dazu überbot er einfach das Übernahmeangebot des koreanischen Konzerns Samick 5 Minuten vor 12. Ulrich Sauter, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Klavierbauer, meinte zu der Kaufsumme in einem Interview, dass man das nie mehr erwirtschaften kann. Und das bedeutet wiederum: Wer Steinway kauft, dem geht es nicht um den wirtschaftlichen, sondern eher um einen Image-Aspekt.

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Von Steinway kam der letzte Flügel (S-155) 1935 auf den Markt. Welches neue Produkt folgte 2016?

Steinway hat ein neues Produkt

Nur 3 Jahre nach der Übernahme präsentiert Steinway ein neues Produkt. Es heißt Spirio und ist ein Selbstspieler. Aber warum baut der Premium-Hersteller für Konzertflügel einen Selbstspieler? Die Antwort liegt in der Person des neuen Inhabers. John Paulson ist ein ausgewiesener Nicht-Klavierspieler. In der Folge hat sich also die Perspektive bei Steinway auf den Markt der Nicht-Klavierspieler bzw. Noch-Nicht-Klavierspieler verändert. Circa 2016 wurden aus dem Hause Steinway Überlegungen bekannt, wie man den Zugang zum komplexen Klavierspiel für die zwar ausreichend vermögende, aber nicht über die dafür üblicherweise notwendige Zeit und Motivation verfügende Klientel vereinfachen kann. Das erste konkrete Produkt auf dem neuen Weg war dann witzigerweise der bereits erwähnte Selbstspieler Spirio. Als witzig empfinde ich die gewählte Abkürzung, denn sich einen Selbstspieler ins Wohnzimmer zu stellen, ist der kürzeste Weg zum Ziel, wenn das Ziel lediglich darin besteht, einen Steinway sein eigen nennen zu können. Man könnte schlussfolgern, dass es sich hier um eine gewagte Themaverfehlung handelt. Denn wer daran interessiert ist, das Klavier spielen zu lernen, der bleibt bei der von John Paulson äh Steinway gewählten Abkürzung schlicht auf der Strecke...

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Wetten, dass Sie nicht erraten werden, warum John Paulson Steinway gekauft hat?

Exkurs: Warum kauft ein Nicht-Klavierspieler einen Klavierbauer?

Diese Frage brennt Ihnen bestimmt unter den Nägeln. Die Antwort auf Ihre Frage liegt in der Familiengeschichte John Paulsons. Dessen Vater war nicht so vermögend, dass er seinen Kindern einen Flügel der damals schon teuersten Marke hätte kaufen können. Es musste ein preisgünstiger Flügel her. Die Enttäuschung seiner Schwestern über den vergleichsweise minderwertigeren Flügel verdeutlichte John Paulson als kleinem Jungen den offensichtlich hohen Wert des guten Rufs von Steinway. Es war also tatsächlich das Image von Steinway, das John Paulson zu seiner von niemand erwarteten, scheinbar spontanen Investition motivierte.

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Steinway findet zurück in die Spur des Erfolgs

Steinways wirtschaftlicher Turnaround

Und nun passierte bei Steinway etwas, das traditionelle Klavierbauer wie der Teufel das Weihwasser fürchten. Denn Steinway verkündet 2018, dass es dank dem Selbstspieler Spirio den wirtschaftlichen Turnaround geschafft habe. Spirio soll nämlich seit seiner Markteinführung 2016 ein Drittel der aktuellen Aufträge ausmachen - während in den Jahren von 2007 bis 2012 der Umsatz der herkömmlichen Steinway Akustikflügel um 13 Prozent eingebrochen war! Zur Belohnung für den Erfolg bekommt der Spirio genauso wie damals das Disklavier auch eine neue Kategorie. Er steigt auf zum Re-Performance Piano.

Die inzwischen recht kleine Welt der verbliebenen alten Klavierhersteller staunt. Aber warum eigentlich? Das war doch von Yamaha längst bekannt, dass es für diese Hybrid-Kombination aus Akustikinstrument mit integrierter Elektronik einen gar nicht kleinen Markt gibt. Warum tut man jetzt so, als wäre das etwas Neues - noch dazu etwas, das ausgerechnet Steinway erfunden hat, die vor weit über 100 Jahren für Erfindungsreichtum standen, aber nicht mehr in den letzten Jahrzehnten?

Wenn Sie die weitere Entwicklung des Pianos vorwegnehmend glauben, dass spätestens jetzt jedem Klavierbauer klar werden müsste, dass dem akustischen Hybrid-Piano eine glänzende Zukunft bevorsteht, dann verweise ich auf die bereits erwähnte Story des Silent Pianos. Dessen wirtschaftlichen Erfolg hat man in der Branche trotz aller ansonsten negativen Indizien für die weitere Marktentwicklung über 20 Jahre schlicht ignoriert. Stattdessen hat man Ihnen, den Klavierspielern die analoge Variante des elektronischen Silent Pianos verkauft, nämlich das dritte Pedal mit dem Moderator, einem dünnen Filztuch, das sich zwischen Hammer und Saite schiebt, um so dauerhaft etwas leiser spielen zu können. Das Vorbild des Erfolgreichen ist anscheinend kein zwingender Auslöser dafür, dessen Strategie zu kopieren – wenn man in den Gewohnheiten seiner Branche (felsen)fest verankert ist. Wer sich aber hinsichtlich seines Produkts aus welchen Gründen auch immer gegenüber dem Markt als entwicklungsresistent erweist, hat genau hier, nämlich auf diesem Markt nichts mehr verloren. Denn im Spiel des Marktes besteht die Rolle der Anbieter eben darin, den Kunden die jeweils zeitgemäß besten Lösungen anzubieten. Wer die existierenden Lösungen sehenden Auges seinen Kunden vorenthält, begeht in unserem Marktspiel den höchsten Regelverstoß. Das müsste eigentlich die Höchststrafe, nämlich den Ausschluss aus dem Spiel nach sich ziehen. Oder nicht?

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Taugen die neuen Geschäftsmodelle in einem konservativen Markt?

Steinways strategischer Turnaround

Das Verbot der Kopie von erfolgreichen Lösungen hat sich dank John Paulson grundlegend geändert. Wie sich nun schon mehrfach gezeigt hat, scheint dieser Hedgefondsmanager ein Meister in Abkürzungen zu sein. Folglich ist bei Steinway heute der Erfolg selbst auf ungewöhnlichen Wegen erlaubt. Steinways neuer Inhaber lässt daher 2018 verkünden, dass man rund um Spirio eine Plattform bauen will. Plattformen scheinen aktuell ein beliebtes Geschäftsmodell zu sein. Apple hat es vorgemacht und daher will es Microsoft nun nachmachen. Amazon ist ein Musterbeispiel dafür, wie man mittels dem so genannten Marketplace die Grenzen des eigenen Business erweitert, indem man zu einer Plattform für andere wird. Und nun kommt also ein westlicher Klavierbauer auf die Idee, seine eigene Plattform aufzubauen.

Warum liegen Plattformen eigentlich im Trend? Wer eine Plattform hat, entscheidet darüber, was dort geschieht. Es ist wieder wie in den glücklichen vergangenen Zeiten der geschlossenen Märkte, als man noch imstande war, die Regeln zu bestimmen, wer unter welchen Bedingungen den Zugang bekommt. Als man Klaviere noch beim lokalen Händler kaufte, schlossen diese Verträge mit den Herstellern ab und bekamen von diesen das Versprechen des so genannten Gebietsschutzes - übrigens zu der konkreten Gegenleistung, dass nämlich die Händler vor Ort nach dem Verkauf den jährlich anfallenden Stimmservice der Pianos übernehmen! Da es als Folge des grenzenlosen Online-Marketings keinen Gebietsschutz mehr gibt, ist der Stimmservice für die Händler nur noch ein lästiges Relikt aus der Vergangenheit. Den versucht man loszuwerden. Zum Beispiel in Musikgeschäften, die sowohl Akustikpianos als auch Digitalpianos anbieten, versucht man daher den Kunden bei seiner Kaufentscheidung zum Digitalpiano zu beeinflussen, indem man darauf verweist, das dies im Gegensatz zum Klavier keine Folgekosten nach sich ziehen würde. Nebenbei bemerkt: Der wie schon erwähnt stark rückläufige Verkauf von neuen Pianos aufgrund

  • der außergewöhnlich hohen Lebensdauer von weit über 100 Jahren,
  • den extrem langen Innovationszyklen des Produkts von ebenfalls weit über 100 Jahren sowie
  • die Veränderungen bezüglich der grenzenlosen Einkaufsmöglichkeiten durch das Internet, konkret das Online-Marketing,

führen dazu, dass es lokal immer weniger Klaviergeschäfte gibt. Als eine unmittelbare Folge dieser Entwicklung stirbt der Klavierservice aus. Da ich mit der Klavierstimmerei Praeludio überregional unterwegs bin, kann ich berichten, dass es schon heute Regionen ohne Klavierservice gibt. Praeludio ist als ein zeitgemäßer Klavierservice mit eigener Firmen-Philosophie auch Ihr Ansprechpartner, wenn es um Alternativen oder Lösungen geht. Denn Praeludio® zeichnet eine ganze Reihe von Besonderheiten aus. Unter anderem ist mein Unternehmen eine Marke. Marken sind einzigartig und verfügen daher über so genannten Alleinstellungsmerkmale. Ganz im Sinne von Alleinstellungsmerkmalen finden Sie ausschließlich bei Praeludio® entsprechend einem umfassend transparenten Geschäftsmodell

  • alle Informationen über den aktuellen Stand der Entwicklung und die Marktreife der hybriden Alternativen auf der Homepage www.Hybrid-Piano.de, sowie
  • Hilfe zur Selbsthilfe über das Praktikum Selberstimmen. In diesem Praktikum können Sie bei sich zu Hause an Ihrem Piano lernen, wie Sie es selber stimmen, und schließlich liefert Ihnen Praeludio auch
  • die Information, dass es in USA einen Ingenieur namens Don Gilmore gibt, der ein System entwickelt hat, wie sich ein Akustikpiano selbst stimmen kann, das jedoch starke Mängel hat und augrund dessen von der Industrie bis heute nicht nachgefragt worden ist: www.selbststimmendes-klavier.de. Da dieses System nicht zukunftstauglich ist, informiere ich Sie über einen weiteren Trend, der nämlich das Selberstimmen von Hand zu einer überschaubaren und leichter lösbaren Aufgabe macht:
  • 2014 hat David Klavins im Dialog mit dem bekannten Musiker Nils Frahm das Una-Corda-Piano entwickelt. Das UC-Piano hat eine ganze Reihe von konstruktiven Besonderheiten. Doch im Wesentlichen zeichnet es sich dadurch aus, dass es durchgängig nur eine Saite pro Ton hat und somit ein Leichtbau-Piano ist. Aufgrund der geringeren Saitenzahl dürfte sich die fürs Stimmen notwendige Zeit auf ein Drittel verringern! Und wie man lesen kann ist David Klavins schon komplett in der Gegenwart angekommen, denn: Una Corda goes Hybridpiano! Der Meister ergänzt sein Akustikpiano auf Kundenwunsch nicht nur mit Tonabnehmern unter den Saiten, sondern neuerdings auch mit MIDI und Samples, sowie mit Touchkeys und MPE. Mit anderen Worten: Sie können sich bei David Klavins heute schon das erste vollwertige akustische Sensor-Hybrid-Piano bestellen und liefern lassen.

Zurück zu unserem Thema: Als es noch geschlossene Märkte gab, hatten die Klavierhersteller ihr Geschäft unter Kontrolle. Das ist der Traum aller Teilnehmer am mittlerweile so genannten Freien Markt. Ein vergleichbares Ergebnis erreicht man heute nur über ein Monopol. Das hat Steinway bislang noch innerhalb der Nische der Premium-Konzertflügel. Daher baut bis heute Steinways Verkaufsstrategie ganz im Sinne eines geschlossenen Marktes darauf auf, dass wenige, ausgesuchte Händler die lukrative Alleinvertretung für grosse Wirtschaftsgebiete erhalten. Neuerdings genügt eine Plattform für die Kontrolle der eigenen Nische. Aus der Sicht des Kunden, läuft hier aber etwas falsch. Denn wünschenswert wäre es, wenn die Firmen mit ihren Produkten in den Wettbewerb um den Kunden treten. Dann wäre nämlich Produktentwicklung eine Selbstverständlichkeit und der Kunde würde innerhalb der so genannten Win-win-Strategie zum Mit-Gewinner.

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Wer kopiert wird, erfährt dadurch eine Ehrung, sagt man in Asien.

Hurra, wir können es wieder: Kopieren!

Natürlich haben Sie es längst erkannt: Das Vorbild für Steinways Pläne ist Yamahas Disklavier. Das ist auch ein Selbstspieler, der bereits über eine Plattform für neue Angebote auf dem Entertainment-Markt verfügt. Die Disklavier-Technologie offeriert bislang unbekannte Möglichkeiten. Schon heute kann man mit zwei Disklavieren über das Internet Klavierunterricht in hoher Qualität praktizieren. Dabei bekommen Klavierlehrer wie Klavierschüler jeweils das Vorspiel des Gegenübers über das Internet verbunden auf dem eigenen Instrument vorgespielt, wenn beide die Disklavier-Technologie einsetzen. Eine weitere neue Möglichkeit besteht darin, ein Klavierkonzert nicht nur live auf eine Leinwand, sondern auch auf die Tasten des Disklaviers im Wohnzimmer des Endkunden zu übertragen. Dieses für ein Piano neue Leistungsmerkmal hat Elton John in Los Angeles anlässlich des 125-jährigen Jubiläum-Konzerts von Yamaha eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Denn der herausragende Event mit dem Superstar wurde live auf die mit der Disklavier-Technologie ausgestatteten Flügel in 5 Metropole der Welt übertragen. Nachfolgend konnte man (über Yamaha) exklusiv Events von Elton John zu sich ins Wohnzimmer buchen. In diesem Bericht von UStoday unter Growing Sales über die aktuellen Entwicklungen aus dem Hause Steinway liest sich das so, als hätten die Amerikaner das Angebot des Live-Konzerts auf dem Spirio im eigenen Wohnzimmer sowie den Fern-Klavier-Unterricht erfunden. Es ist also wieder einmal eine Leistung der Presse, die hier die öffentliche Meinung bildet. Doch wir wissen nun, dass sowohl der Selbstspieler als auch die damit verbundene Plattform nichts grundlegend Neues, sondern als Marketing-Ideen lediglich Kopien der Japaner sind.

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Wie geht es in unserer Geschichte weiter?

What‘s next? Elton John geht in Rente

Wie geht die Geschichte weiter? Lassen Sie uns den Blickwinkel verändern. Schauen wir also gleich mal darauf, was Yamaha in Zukunft vormachen wird, um die nachfolgende Marktentwicklung antizipieren zu können.

Der Künstler und Entertainer Elton John geht in Rente und Yamaha hat auch die Perspektive gewechselt. Anstatt tatsächlich eine möglichst umfassende Pianoplattform zu errichten, steht Yamaha auf der Entwicklungsbremse. Was ist denn auf einmal mit den Japanern los?

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Big Business braucht eine gute Strategie

Yamahas Strategie

Wie bereits erwähnt ist Yamaha im Bau akustischer Klaviere und Flügel weltweit schon seit einiger Zeit die Nummer 1. Darüber hinaus investierte der japanische Konzern 2007 in die Übernahme von Bösendorfer, den Premium-Flügelbauer aus Österreich. Beinahe unbemerkt hat die von Yamaha eingesetzte neue Geschäftsführung den Computerflügel CEUS aus dem Portfolio Bösendorfers gestrichen, um die eigene Disklavier-Plattform mit den Bösendorfer-Traditionsinstrumenten zu verbinden und aufzuwerten. Man kann die wunderbaren Bösendorfer-Pianos nun wahlweise rein akustisch oder zusätzlich ausgestattet mit der Disklavier- oder Silent-Technologie auswählen.

Doch das eigentliche Ziel Yamahas besteht darin, Steinway & Sons von seinem Rang auf den Konzertbühnen der Welt zu verdrängen. Um das zu erreichen, hat man in Bösendorfer investiert. Denn die Sogwirkung dieser Position ist nach wie vor weitreichend. Wer dort führend ist, dem stehen alle Türen zu den Pianisten und Musikhochschulen sowie zu allen Nachwuchs-Spielern offen – also innerhalb des bereits bestehenden Kundenspektrums einem auch in der Meinungsbildung bedeutsamen Marktanteil. Ferner geht es um sehr kostenintensive Instrumente mit völlig abgehobenen Gewinnspannen. Es geht Yamaha um den Ausbau der Marktbeteiligung im Bereich des akustischen Pianos, also eines bereits bestehenden Marktes. Zumindest scheint das bis heute hinsichtlich des Investments logisch zu sein. Betrachtet man aber die zurück liegenden 11 Jahre, seitdem Yamaha Bösendorfer gekauft hat, so findet man keinerlei Anzeichen, die diese Vermutung eines Angriffs auf den Premiummarkt der Konzertbühnen bestätigen würden. Worin besteht also tatsächlich die Strategie des japanischen Mischkonzerns?

Yamaha hat interessanterweise gar nicht versucht, Klang und Spielart der eigenen Instrumente derart zu verbessern, um mit Yamaha-Instrumenten in die Konkurrenz zu Steinway zu gehen. Bleibt man weiterhin auf die Konkurrenz zu Steinway fokussiert, dann meint man, Yamaha wählte den Umweg über einen Markennamen mit einem ähnlichen Renommee wie Steinway, nämlich Bösendorfer. Was bedeutet das in der Schlussfolgerung? Nun, Yamaha hat nicht etwa Bösendorfer als den Hersteller von wunderbar klingenden Pianos übernommen. Nein, Yamaha hat - genau wie John Paulson 2013 Steinway - lediglich das zwar alte, aber immer noch ausreichend gute Image des Premium-Flügelbauers Bösendorfer erstanden. Denn was Yamaha wirklich interessiert, ist lediglich der Imagetransfer. Das gelingt zum Beispiel, wenn man nicht explizit mitbekommen hat, dass das österreichische Unternehmen Bösendorfer seit 2007 Eigentum des japanischen Konzerns Yamaha ist. In diesem ziemlich weit verbreiteten Fall trägt nämlich die Tatsache, dass das renommierte Unternehmen Bösendorfer die Elektronik-Komponenten des japanischen Klavierbauers Yamaha einsetzt direkt zu einer Verbesserung des Images von Yamaha bei! Das ist nun wirklich erstaunlich, denn das heißt, Yamaha glaubt, dass das Image im Marketing wichtiger ist, als die Eigenschaften des Produkts. Tatsächlich kennen zum Beispiel die meisten Klavierspieler das Silent Piano mangels Werbung noch nicht. Stattdessen investiert und engagiert sich Yamaha für die Zusammenarbeit mit bestimmten Künstlern. So sind Elton John und neuerdings auch das junge Talent Jacob Collier Werbepartner für Yamaha! Bei der Gelegenheit entdeckt man, dass natürlich auch Yamaha zum Beispiel bei Steinway kopiert hat: Es gibt von Yamaha ebenso eine Artist-List! Eine weitere für viele neue Seite Yamaha sind die eigenen Klavierschulen, für die Yamaha eine eigene Musikpädagogik entwickeln ließ. Ferner hat Yamaha bei Blaskapellen einen guten Ruf, da man sich dort mittels der Finanzierung von Instrumenten zusätzlich engagiert hat. Yamaha scheint also mit langem Atem eine Super-Strategie zu verfolgen, die im wesentlichen doch auf die Verbesserung des Images ausgerichtet sein könnte.

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Wie steht es eigentlich um die Basis, das Musizieren?

In der Krise steckt die Chance

Anfang 1900 kam es erstmals zu dem Phänomen, dass mit der so genannten Klassik, einem laut Berthold Seliger nachträglich eingeführten Label, die nicht zeitgenössische Musik überwog. Die zeitgemäße Musik wurde unangenehm zu hören. Denn im Sinne ihrer Aufgabe als musikalischer Spiegel der Zeit wurde sie zum Ausdruck der Warnungen vor den sich am Horizont der intuitiven Ahnung abzeichnenden Katastrophen des noch jungen 20. Jahrhunderts.

Aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert entstand eine neue kaufkräftige Schicht, nämlich das Bürgertum. Damit verbunden veränderte sich beim Musizieren etwas gravierend:

Hatte das Musizieren und Komponieren vorher einen elitären Charakter, so wurde das Musizieren nun zum Massenphänomen. Logischerweise wurde aber das anspruchsvolle Komponieren kein Massenphänomen. War das Musizieren vorher ein Kreativprozess, beschränkte es sich nun auf die Reproduktion des bereits Bestehenden.

So erklärt sich, warum der Hochkultur, also einem schöpferischen Zeitraum des Gestaltens und Entwickelns, um 1900 die Phase der Kultivierung der Menschen folgte. Denn das Bürgertum beschränkte sich in seinem Streben nicht darauf, Wohlstand im Sinne von Reichtum anzuhäufen, sondern man wurde von der Einstellung geleitet, dass man sich durch eine höhere Kultur von anderen unterscheiden wollte. Diese Kultur bekam man aber nicht auf dem einfachen Weg durch die Geburt oder durch Vermögen, sondern durch den angeleiteten Lernprozess, den man Erziehung nennt. Musik wurde als Erziehungsinstrument des Bürgertums benutzt, um sich Kultur anzueignen. Es gehörte zum guten Ton, dass in jedem gutbürgerlichen Haus ein Piano als eine Art Visitenkarte der Kultur stand. Wer zur besseren Schicht gehörte, bewies den Grad seiner höheren Kultur dadurch, dass er Klavier spielen konnte. Kultivierung bedeutet im Rahmen der Erziehung passend zu dem Zeitgeist Anfang 1900 Disziplinierung. Aus dem Musizieren und spielerischen Können wurde das Üben und somit ein Arbeiten. Das eröffnete nun wiederum jedermann den Zugang zum Piano. Denn man brauchte nicht mehr ein genetisch bedingtes Talent als Voraussetzung für eine künstlerische Karriere, sondern nur Einsatzbereitschaft. Grenzenloser Fleiß verbunden mit hoher Leidensfähigkeit öffnete jedermann die Türen zu den Konzertbühnen der Welt. Wir müssen daher davon ausgehen, dass wir in den Klavierkonzerten in der Regel nicht die begabtesten sondern die fleißigsten Pianisten erleben! Die neue Definition von Talent nutzte man zuerst im Osten Europas. Bekannt ist in dem Zusammenhang die so genannte Russische Klavierschule und es erklärt gleichzeitig, warum so viele (strenge) russische Klavierlehrer/innen in Deutschland tätig sind. Die auf Disziplin basierende russische Klavierschule wurde nun in Rekordzeit von einer noch mehr auf Fleiß beruhenden chinesischen Klavierschule überholt, während wir gleichzeitig im Westen gar nicht mehr die Zeit haben, um uns den umfangreichen Fingerübungen als Grundlage der klassischen Musik widmen zu können. Scheinbar zufällig vereinen sich zeitnah also ganz unterschiedliche Faktoren wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Militär und Kultur, in denen sich die Schwerpunkte dramatisch verschieben - und zwar alle in eine Richtung, nämlich nach Asien, denn unsere westliche Klassik erfährt in Asien höchste Wertschätzung. Wie gehen wir damit um?

Die asiatische Übermacht ist in vielen Bereichen längst offensichtlich und in weiteren Bereichen absehbar. Stellen wir uns dem Wettbewerb um die Plätze auf den Konzertbühnen? Haben wir eine Chance, den Kampf der Kulturen zu gewinnen? Nicht wirklich. Die Entwicklung ist in der Klassik (mit unserer großzügigen Hilfe) längst zu Gunsten der Asiaten gelaufen. So sind unsere Musikhochschulen seit Jahren von Asiaten überlaufen, da es für die Eltern aus Fernost interessanterweise kostengünstiger ist, ihre Kinder in Europa studieren zu lassen, als die teure Ausbildung in den Heimatländern zu finanzieren. Jeder Professor, ganz gleich von welcher Fakultät, bestätigt gerne ungefragt, dass die Studenten aus Asien wesentlich besser sind, als die aus dem Westen kommenden Studierenden. Doch die Profs können uns nicht erklären, warum das so ist - außer dass die Asiaten schlicht viel fleißiger sind. Genau das ist aber der Schlüssel. Im Westen befinden sich die meisten immer noch auf dem Kenntnisstand für Talent, der um 1900 galt, dass man nämlich mit entsprechenden Genen gesegnet sein muss, um Talent zu haben. Die Asiaten hingegen glauben an die moderne Einsicht, dass man sich nämlich lernend, mit Fleiß und Begeisterung zum Talent entwickeln kann. Dafür gibt es sogar eine ganz klare Definition des zeitlichen Rahmens, um als Talent eingestuft zu werden: Wer sich 10.000 Stunden mit etwas intensiv beschäftigt hat, dem gesteht man die Meisterstufe seines Faches zu! Auf dieser Basis erklärt sich, warum es heute allein in China schon über 50 Millionen Klavierspieler geben soll. Die Nummer 1 im Bau von Akustikpianos kommt mit Yamaha aus Japan. Wenn heute jemand einen Klavierbauer kauft, dann sind es vor allem chinesische Investoren, aber auch japanische (Yamaha) oder koreanische Investoren (Samick). Da man gegenwärtig in China einen noch offenen Markt von 30 Millionen Klavierspielern vermutet, und gleichzeitig die Märkte in Europa (8 Millionen Klaviere) und USA (10 Millionen Klaviere) als gesättigt gelten, erklärt sich, warum die verbliebenen Klavierhersteller nur eine Richtung kennen, nämlich ab nach China. Was also machen wir mit unserer Kultur? Oder anders gefragt: Was wird eine Kultur mit uns machen, die gleich mit nach Asien auswandert? Denn das wird passieren, wenn zwar die Wiege der Klassik weitgehend in Europa liegt, doch in naher Zukunft die große Mehrheit der Leistungsträger der klassischen Musik aus Asien kommen wird. Ein Weiter so wird nicht möglich sein. Uns steht das erste Mal ein kultureller Crash bevor. Damit haben wir noch keine Erfahrung. Brauchen wir ein Krisenmanagement?

Nein, wir brauchen keine Manager sondern Musiker, um die passende Antwort zu finden! Als die Musik in Europa ihre Hochkultur erlebte, waren unsere Komponisten Gestalter und die Musikinstrumentenhersteller Entwickler. Die haben heute in einem anderen Bereich immer noch ihre Hochzeit, wenn man die Begriffe ins Englische übersetzt. Dann wird nämlich aus dem Gestalter ein Designer und aus dem Entwickler der uns wohl bekannte Developer. Wenn wir also Musik wieder als ein Feld verstehen, das wir gestalten und entwickeln, dann sind wir auf dem besten Weg, Musik in eine neue Phase der Hochkultur zu führen.

Den Anfang 1900 geltenden Ansatz für Musik als ein Werkzeug zur Kultivierung des Menschen würde ich heute folgendermaßen anders formulieren und praktizieren: Musik als ein Medium, um über die Musik mit den Menschen in eine besondere Verbindung zu gelangen. Das verstehe ich als einen pädagogisch sinnvollen Ansatz, um die Musik wieder in unsere Zeit zu bringen. Denn mit der Musik ist eine hohe Motivation verbunden. Diese kann die Pädagogik nutzen, um ganz verschiedene Aspekte zu transportieren. So kann man durch die Musik lernen, kreativ zu werden, wenn man sich eben in der Gestaltung und Entwicklung übt, um letztendlich zu einem erfolgreichen Lebensweltgestalter zu werden. Musik ist darüber hinaus bestens geeignet, um Medienkompetenz zu entwickeln, wenn man die zeitgemäßen Musikwerkzeuge integriert, auf die ich noch eingehen werde. Musizieren könnte eine Möglichkeit sein, das Lernen zu lernen - und zwar nicht als einen disziplinierten Prozess, sondern als ein Experimentieren, ein Ausprobieren, ein Suchen und Finden, ein Spielen mit Variationen, ein Nutzen von Spielräumen, um den für sich besten Weg sowie im Endergebnis nicht nur eine sondern möglichst viele Lösungen finden zu können. Nebenbei führt ein derartiger Lernraum zu dem heute erwünschten wachen und sensiblen Geist des Gestaltens und Entwickelns. Um das Potenzial der Musik erkennen und in vollem Umfang nutzen zu können, lohnt sich ein Blick auf die Frage, warum wir eigentlich musizieren.

Was glauben Sie? Warum musizieren wir? Und worum geht es beim Musizieren? Lassen Sie uns dafür in unserer eigenen Entwicklung weit zurückgehen, nämlich in den Zustand, bevor wir geboren worden sind. In den 9 Monaten vor unserer Geburt haben wir eine Phase der absoluten Verbundenheit erlebt. In dieser vorgeburtlichen Lebensphase hat sich eine Sensorik entwickelt, die über unseren eigenen Körper hinausgeht, die also imstande ist, Ganzheitlichkeit zu erfassen. Diesen Prozess könnte man als die Entstehung von Seele definieren, einem Phänomen, das eben über unseren Körper hinausreicht und das Ganze integriert. Wir erleben später als Erwachsene das Phänomen einer über den Körper hinausreichenden Sensorik immer wieder, zum Beispiel wenn wir uns ein größeres Auto kaufen und anfangs dessen Dimensionen noch nicht richtig einschätzen können. Nach einer relativ kurzen Zeit ist das größere Auto wie ein Teil unseres Körpers integriert und wir fahren mit dem größeren Wagen genauso geschickt wie zuvor mit dem kleineren Vehikel. Diese erste Erfahrung der ganzheitlichen Verbundenheit in dem Fall mit unserer Mutter hat unsere Erwartung an das Leben geprägt: Wir wollen verbunden bleiben. Aber wir machten die Erfahrung, dass diese ideale Phase abrupt endete, nämlich als wir geboren wurden. Die Intensität der Geburt auf das frisch Geborene ist so stark, dass es die nächsten 6 Monate außergewöhnlich viel schläft, um nämlich das mit der Geburt verbundene Trauma zu verarbeiten.

Noch ohne Verstand scheint das Embryo die besondere, da ganzheitliche Verbindung zu seiner Mutter als Lebensraum erfasst zu haben. Es verunsichert uns verstandesfähige Erwachsene regelrecht, wenn wir feststellen, dass dieses Gefühlswesen vorgeburtlich schon so intelligent zu sein scheint, dass es diesen Zustand als ideal empfindet und folglich auch genießen kann, weshalb das Thema für uns nachgeburtlich weiterhin relevant bleibt. Tatsächlich sind wir in unserem späteren Leben zu einem Großteil damit beschäftigt, nach Möglichkeiten zu suchen, die unsere Ursehnsucht nach Verbundenheit erfüllen. Wir entdecken die Liebe, üben uns in Spiritualität, und finden die Musik. Die Musik? Ja, die Musik stellt sich uns als eine Möglichkeit dar, uns über das Medium der Musik emotional mit der Welt zu verbinden.

Auf dem Stand dieser Einsichten ist mittlerweile auch die moderne Wissenschaft angelangt. Die Hirnforschung hat die Bedeutung der Emotionen nicht nur erkannt, sondern auch deren Vorrang in der Evolution bewiesen, wie das 2018 erschienene Buch Im Anfang war das Gefühl des Neurologen Antonio Damasio zeigt. Wie weitreichend diese Bedeutung tatsächlich ist, können technisch orientierte Menschen an der Entwicklung ablesen, dass man lernfähigen Maschinen Emotionen einbauen will, um deren Lernprozess zu optimieren!

Und auch der moderne Musikunterricht hat inzwischen die für uns Menschen hohe Bedeutung der Emotionen erkannt. Das drückt sich am Beispiel der aktuell so vermutlich vor allem im englischsprachigen Raum unterrichteten Harmonielehre aus. Um die für die Musik wesentlichen Strukturen zu vermitteln, wird in einem ersten Schritt die Komplexität reduziert. Wie beim Sprechen lernen und dem Sprachgefühl für den intuitiv richtigen Einsatz im Sinne von Grammatik geht es beim Musik lernen darum, Musikalität im Sinne eines musikalischen Gefühls für die jeweilige Stilrichtung zu entwickeln. Dafür akzeptiert man wie beim Baby und seinen ersten Sprechversuchen Fehler im Detail zu Gunsten des Ganzen, nämlich beim Kleinkind der Übung von Kommunikation bzw. des musikalischen Stils, in dem sich der Musikeinsteiger nun schon üben kann. Mit einer technisch minimalen Basis übt man also zuerst das ganzheitliche Musikgefühl, das wir Musikalität nennen, bevor man diese Übung mit Inhalten anreichert und Musik zu seiner komplexen End-Form entwickelt. Wenn man dabei mit dem Gefühl beginnt, stellt man meiner Ansicht nach die Harmonielehre (wieder) auf die Füße. Das Ziel des neuen Musikverständnisses besteht darin, Musikern einen Raum für persönliches Wachstum zu öffnen, und sie auf diesem Weg zu fördern, und zu begleiten. Aus unserem ursprüngliche Klavierlehrer wird daher in Zukunft ein Piano-Coach. Im folgenden Video hören Sie den Musiker, Komponist und Musikproduzent Victor Wooten in einem TEDx Talk zu dem Thema Music as a Language.

Lassen Sie uns in im nächsten Schritt die neuen Angebote der immer noch traditionellen Pianohersteller Steinway und Yamaha kritisch durchleuchten, inwiefern diese in unser neues Muster für Musik passen, bevor wir uns der Frage nach dem Next Piano zuwenden.

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Wem nutzen die neuen Silent- und Disklavier-Technlogien?

Das Menschenbild hinter den Angeboten

Aufgrund des wirtschaftlichen Erfolgs für die Klavierhersteller, der mit dem Einbau zeitgemäßer Komponenten in das Akustikpiano verbunden ist, steht dem akustischen Hybrid-Piano zweifelsfrei eine glänzende Zukunft bevor. Um den Anbietern in die neue Spur zu helfen, müssten alle Hersteller von Selbstspiel- und Silent-Technologien zuerst einmal das Menschenbild ihrer Kunden ändern. Denn die uns bislang im Akustikpiano zugestandenen Technologien werten genau genommen den Klavierspieler und somit den Menschen und seine über die Musik transportierten Emotionen ab.

Das wünschenswerte Gegenteil wäre es, wenn wir mehr Möglichkeiten zum Ausdruck der Gefühle angeboten bekämen. Diese Angebots-Optimierungs-Bemühungen würden uns nämlich umgekehrt als Musiker und unsere selbst organisierten Bestrebungen um die eigene Befindlichkeit aufwerten. Denn:

  • Im Selbstspieler steckt die Maschine, die mir sagt, dass sie besser und einfacher das Klavierspiel realisieren kann, da auf diesem Selbstspieler je nach Input die besten Pianisten zu hören sind. Gegen die kann ich nur verlieren, also höre ich mir lieber so ein Wunderkind an, anstatt mich selbst mühsam um kleine Fortschritte in der hohen Kultur der Tastenschule zu bemühen.
  • In der Silent Technologie steckt implizit die Botschaft, dass man den Klavierspieler nicht mehr hören will. Daher schaltet man das akustische Klavier stumm. Tatsächlich nennt man im Silent Piano diesen Mechanismus Stummschaltung. Statt einem mithörenden und mitfühlenden Publikum bekommt der Klavierspieler Kopfhörer auf, das heißt, man sperrt ihn ein, und er muss Sounds im Generalmidi-Modus ertragen. Zur Information: Generalmidi (übersetzt: Allgemeiner MIDI-Standard) sind 128 Sounds, also die Klänge verschiedener bekannter Instrumente und einige Percussion-Geräusche, die man in jedem billigen Keyboard geboten bekommt. Das ist klanglich unterste Qualität und längst nicht mehr zeitgemäß, was vor allem ein Anbieter wie Yamaha wissen muss, der nämlich seit 2004 Eigentümer der ursprünglich deutschen Musik-Software-Schmiede Steinberg ist. Da Yamaha diesen Standard bis heute in seinen ePianos, Keyboards und Silent Pianos verkauft, der an der Abkürzung GM für General MIDI erkennbar ist, muss man davon ausgehen, dass in dem japanischen Konzern die Betriebswirtschaftler gegenüber den Musikern das Sagen haben. Diese Einsicht lehrt uns wiederum, dass ein gutes Image noch nicht das Optimum ist. Image ist die Oberfläche. Doch Musik geht unter die Haut. Der Mensch ist ein sinnliches Wesen, ausgestattet mit einer höchst sensiblen sowie über den eigenen Körper hinaus reichenden Sensorik und Wahrnehmung. Daher bevorzugen Menschen sinnliche Angebote. Und das heißt übersetzt in die Sprache des Marketings: Höchste Qualität! Dieser Grad an Sinnlichkeit ist es, der unser Akustikpiano auszeichnet. Denn es bietet uns das Maximum beim Spielgefühl sowie den akustischen Vollwertklang, der lediglich darunter leidet, dass er in seinen Gestaltungsmöglichkeiten im Vergleich sehr eingeschränkt ist. Doch wer uns auf einem längst überholten Qualitätsniveau wie General MIDI bedient, kann nicht wirklich unser Ansprechpartner sein - obwohl man andererseits der Ansicht sein könnte, dass Yamaha die DNA der Sinnlichkeit des Marketings schon verstanden hat. Oder lieferte für das folgende Video der mit 57 Jahren viel zu früh verstorbene Musiker Prince die Inspiration?

Um herauszufinden, in welche Richtung sich Entwicklung lohnen würde, kann man eine Marktanalyse anstreben, eine Vision wagen, oder sich einfach mal umsehen, was es schon gibt. Begleiten Sie mich auch im nächsten Kapitel, um eine in die Zeit passende Marketingstrategie zu finden.

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Wie sieht nun das Klavier der Zukunft aus - und was kann es alles?

Next Piano: Der technische Stand 2018

Prophet X. Was für ein Produktname. Zum ersten Mal kann man ihn im Juni 2018 kaufen: Den Hybrid-Synthesizer Prophet X von Dave Smith. Ist dieses Instrument vielleicht die Endstufe der zeitgemäßen Entwicklung unseres Akustikpianos?

Wer meine Homepage übers Hybrid-Piano kennt, der weiß, dass es nicht nur eine Lösung für das Hybrid-Piano gibt, sondern ganz unterschiedliche Versionen vorstellbar sind und auch schon existieren. So gibt es zum Beispiel

  • das akustische Hybrid-Piano sowie
  • das digitale Hybrid-Piano.

Die Kategorie Hybrid bezieht sich einmal auf die Mixtur an analogen Klängen und digitalen Sounds, und das andere Mal auf eine analoge Mechanik in einem klanglich rein digitalen Piano. Worauf bezieht sich bei dem Hybrid Synth Prophet X die Kategorie Hybrid?

Der Prophet X vereint einen mehrstimmigen Synthesizer (Synth) sowie eine riesige Sample-Bibliothek. Ein länger gehegter Traum wird real, wenn man heute analoge Sounds mit dem Synthesizer bearbeiten kann. Wenn wir auch bei diesem vergleichsweise jungen Instrument feststellen, Synth goes hybrid, dann kommt unterschwellig Freude auf, denn es lichtet sich der Nebel. Auf der Suche nach Orientierung kristallisiert sich die hybride Lösung heraus, da man zunehmend das gigantische Potenzial der neuen Möglichkeiten auf der Basis eines hohen Niveaus erkennt. Wer Mehrwert sucht, findet Hybrid. Das betrifft gleichermaßen Musiker wie Hersteller. Wir haben für den neuen Klang bereits einen Namen, es handelt sich um den sinnlichen Mehrwert für unsere Ohren, nämlich die Hybridsounds! Das ist eine neue Dimension des Klangs:

  • Originalklänge mit natürlichen oder synthetischen Effekten.
  • Originalklänge gemischt mit digitalen Sounds.
  • Originalklänge synthetisch verändert.

Mit dem Prophet X Synth kann man sogar eigene Samples erstellen und mit nur einem Knopfdruck anwenden.

Zwischen unserem Akustikpiano und dem Prophet X klafft eine riesige Lücke. Absturzgefahr! Wie gelangen wir aus der Vergangenheit in die Zukunft? Natürlich über die Gegenwart als Brücke. Wie sieht sie aus, unsere Gegenwart? Nun, Next Piano könnte die Kombination aus unserem Piano und dem Prophet X sein, wenn unser Piano ein Flügel ist, und man auf dem Vorderdeckel den Prophet X als zweites Manual ablegen kann. Next Piano könnte aber auch die Integration der zeitgemäßen Möglichkeiten, also

  • der Midifizierung unseres Akustikpianos,
  • die Ausstattung mit Sensortasten für Effekte mittels
  • dem neuen Standard MIDI Polyphonic Expression (MPE), und
  • dem Anschluss an eine Digital Work Station (DAW) auf dem Notebook

sein, um Hybridsounds sowie auf Tasteninstrumenten erstmals Effekte direkt über die Fingerbewegungen auf der Taste realisieren zu können. Über Plugins in der DAW bekommen wir dann sowohl die Sample-Bibliothek als auch den Synthesizer in unser akustisches Hybrid-Piano transferiert. Und während wir Klavierbesitzer uns über die Nachrüstmöglichkeiten unseres Akustikpianos informieren, sollten sich Klavierhersteller mit neuen interessanten Variationen des Hybrid-Pianos als Neukauf beschäftigen. Denn so könnte man nicht nur einen bereits tot gesagten, da gesättigten Markt wieder reanimieren, sondern auf der Basis eines so initiierten positiven Geistes die Musik zu einer neuen Hochkultur inspirieren.

SynthPiano

Der Traum vom akustischen Hybrid-Piano ist die Zukunft. Die Kombination verschiedener Keyboards und somit auch eines Akustikpianos mit einem Synthesizer wird heute schon praktiziert. Doch realistisch im Sinne von praxistauglich ist diese Lösung nur, wenn die beiden Instrumente so zueinander positioniert werden können, als wären es in einem Instrument zwei Manuale wie das zum Beispiel in der mehrmanualigen Orgel oder dem mehrmanualigem Cembalo der Fall ist. Bei unserem Akustikpiano kommt also nur der Flügel dafür in Frage. Das schränkt diese Lösung zu Hause massiv ein, da der Flügel in Privatwohnungen relativ selten ist. Im folgenden Video sehen und hören Sie die Interpretation des Songs Spain (Chick Corea) des Musikers Cory Henry gespielt auf einem akustischen Flügel sowie auf einem Minimoog-Synthesizer 2014 live aufgenommen.

Wir bräuchten ein extra für diesen Zweck konstruiertes Kleinklavier, das dem Synth eine sichere Unterlage bietet und gleichzeitig die beiden Klaviaturen räumlich nah positioniert. Die kleinsten Kleinklaviere sind die so genannten Tischklaviere. Sie verfügen über eine Untermechanik. Das heißt, der Hammer schlägt auf der Höhe der Tasten die Saiten an. Das ist bislang eine suboptimale Lösung, da man bei technischen Unzulänglichkeiten innerhalb der Mechanik in der Regel ein echtes Problem bekommt. Aus diesem Grund habe ich mich bislang dazu auch immer relativ kritisch geäußert. Doch nun würden sich ja die Paradigmen ändern. Es geht um Entwicklung und damit im Zusammenhang konkret darum, eine vielleicht höchst interessante Lösung zu ermöglichen, nämlich das Spiel auf einem mehrmanualigem Keyboard mit unterschiedlichem Leistungsumfang je Manual. Das folgende Video lässt die räumliche Problematik der Lösung mittels Untermechanik erahnen:

Trotz dieser bekannten Probleme gab es vor ein paar Jahren von Pleyel und Peugeot ein französisches Design-Piano namens Genesis, das genau diese Technik einsetzte. Es handelte sich interessanterweise gar nicht um ein Kleinstklavier, sondern um einen Flügel. Der Grund für die Untermechanik war, dass man dadurch die Tastenebene auf die Höhe der Saitenebene anheben konnte. Wie man heute von den massenhaften Video-Tutorials für Klavierspieler ganz selbstverständlich weiß, ist das komplexe beidhändige 10-Finger-Spiel auf der Klaviatur ein echter Mehrwert-Faktor! Somit war in Klavierkonzerten gewährleistet, dass das Publikum von jeder Position im Konzertsaal die Hände des Pianisten sehen konnten. Man müsste sich also noch einmal mit der Optimierung der Untermechanik beschäftigen, um Klaviere herstellen zu können, die für eine realistische Kombination aus zwei verschiedenen Tasteninstrumenten geeignet sind, wenn man diese aufgeteilte Lösung gegenüber dem ganzheitlichen Konzept im Hybrid-Piano mit lediglich einer Klaviatur bevorzugt. Das dürfte dann der Fall sein, wenn man über zwei verschiedene Klaviaturen auch ganz unterschiedliche Klangmuster spielen möchte, was bei einer aufgeteilten Klaviatur häufig nur eingeschränkt möglich ist. Die Aufteilung innerhalb einer Klaviatur dürfte bei unserem Hybrid-Piano mit zwei unterschiedlichen Klangquellen ein zusätzliches Problem ergeben, wenn man zum Beispiel in einem Bereich der Klaviatur den akustischen Grundklang abschalten möchte. Dieses Problem löst der am Anfang dieses Kapitels vorgestellte Hybrid Synth Prophet X durch einen so genannten Sequenzer, mit dem man zuerst ein Klangmuster einspielen kann, das anschließend als Loop wieder abgespielt wird, und ich zu diesem Loop-Grundmuster mit einem veränderten Klang quasi die Melodiestimme erzeugen kann. In dem nun folgenden Video erfahren Sie etwas von dem Designobjekt Genesis aus französischer Kooperation.

Kehren wir wieder zurück zum Prophet X, dem Hybrid Synth. Er hat etwas mit unserem Pianoforte gemeinsam, nämlich Samples von Pianos, unter anderem einen recht schönen romantischen Klang eines Steinway von 1928, also aus einer Zeit, als Steinway im Sinne meiner Marken-Definition noch ein Steinway, da noch im Besitz der Familie Steinway war.

Dave Smith erzählt in einem Interview des Musiker-Magazins Amazona.de über den neuen Prophet X, dass er selbst zu Hause einen schönen Flügel stehen hat. Er schwärmt regelrecht von dem Charakter dieses analogen Instruments. Genau darauf liegt in seinen Augen der Unterschied zwischen den von ihm entworfenen Synthesizern und einer Workstation am Computer. Fader und Drehregler als fühlbare Anfasser lassen uns das Instrument zusätzlich zur Klaviatur anders erleben, als wenn wir unseren Computer mit der Maus bedienen. Der Synth bekommt so mehr Charakter, eine Eigenschaft, von der ich häufig von meinem Kunden höre, die diese ihrem Akustikpiano zugestehen. Das hat vermutlich etwas damit zu tun, dass wir unsere Umgebung physisch erleben müssen, um sie als authentisch wahrnehmen zu können. Charakter ist ein Echtheitsnachweis und somit eine Mehrwert-Eigenschaft, die wir selbst scheinbar leblosen Dingen zugestehen.

In dem soeben erwähnten Interview bekommt man vom Erfinder des Prophet X alle Besonderheiten des neuen Hybrid-Synthesizers erklärt und erlebt sich dabei als Besucher eines anderen Universums, wenn man aus der Klavierwelt kommt. Denn es geht um Oszillatoren und Filter, die auf Samples angewandt werden. Das ist das Wissen und Handwerkszeug, das man in Zukunft benötigt, wenn man eigene Klänge kreieren will. Instrumente werden nicht mehr über nur ein Klangmuster sondern über unzählig viele Klang- und Effektmöglichkeiten verfügen. Das wird sich auf die Musik derart auswirken, dass neue Stücke mit nur einem Klangmuster auf dem Hauptinstrument seltener werden. Mit den neuen digitalen Möglichkeiten bekommen wir das Werkzeug an die Hand, damit sich der Klang dem jeweiligen Kontext des Stücks anpassen kann. Klang wird somit wie die Sprachmelodie eine größere Rolle im Ausdruck spielen. Um mit der so möglichen Klangvielfalt umgehen zu können, gibt es aktuell Ergänzungen zu den Instrumenten wie Step- und Pattern-Sequenzer. In diesen gar nicht mehr so neuen Tools kann man Tonfolgen und Klangmuster vorprogrammieren, um diese Muster und Sequenzen über einen Tastendruck abrufen zu können. Wer sich dafür interessiert, wie man so einen Sequenzer einrichtet, der findet bei Ableton eine detaillierte Anleitung in Textform mit Videounterstützung.

Wie auf diesem Weg Musik entsteht, demonstriert die Multiinstrumentalistin Neon Vines in einer musikalisch relativ einfachen Version, technologisch jedoch komplexen Form im folgenden Video. Darin kann man nebenbei sehen und hören, dass die Künstlerin sogar schon imstande ist, ihre Performance körpersprachlich zu optimieren. Der so entstehende Charakter einer Show lässt uns als Publikum während der Präsentation all der Gerätschaften entspannt sein, was die Wirkung zu einem Erlebnis werden lässt. Ein Erlebnis zeichnet sich dadurch aus, dass uns der konkrete Inhalt unter die Haut geht und das so erzeugte Gefühl gemeinsam mit dem Inhalt gespeichert wird. Im Idealfall wird ein positives Gefühl erzeugt und somit der Inhalt positiv besetzt. Die Inhalte, also die verwendeten neuen Musikwerkzeuge, will ich Ihnen anschließend kurz vorstellen, um Ihnen auf Ihrer interessierten Reise aus der Klavierwelt kommend im neuen Universum der digitalen Möglichkeiten eine solide Orientierung zu ermöglichen:

Für die Klangsynthese verwendet Neon Vines in dieser Aufnahme von dem japanischen Hersteller Roland den Synthesizer JD-Xi mit eingebautem Pattern Sequenzer und Vocal FX (= FX steht für Effects, hier sind also Vocal Effects gemeint, ähnlich dem Vocoder). Ferner benutzt sie von dem japanischen Unternehmen Akai den APC40 Ableton Performance Controller (Testbericht des Musikermagazins Amazona.de), den USB MIDI Pad und Controller MPD218 sowie vom gleichen Unternehmen den Laptop Pad Controller LPD8 (Testbericht der Zeitschrift für Musiker Amazona.de). Die Controller setzt die Musikerin ein, um in Zusammenarbeit mit einer Digital Audio Workstation (DAW) auf dem Laptop Sounds und Tonfolgen abrufen zu können. Eine DAW ist eine komplexes Softwareprogramm zur Bearbeitung von Musik. Darüber hinaus werden Sequenzer beim so genannten Looping eingesetzt. Es werden Musiksequenzen live eingespielt und von den Geräten wiederholt. Mittels des so genannten Overdubbings (Einfügen) kann man bereits bestehende Loops durch weitere Einspielungen ergänzen. So entstehen live immer komplexere Muster, die sich an- und abschalten lassen. Moderne Loop-Stations (Testbericht mit Videos von dem Musikerportal Amazona.de) eröffnen vor allem der Live-Musik neue, komplexe Möglichkeiten und sind unter anderem die technische Basis dafür, dass Musiker wie Jacob Collier auf der Bühne alleine eine ganze Band darstellen können. Unsere Musikerin aus diesem Video, Neon Vines, setzt auf dem Laptop Ableton Live ein, das eine der auf dem Markt erhältlichen Digital Audio Workstations (DAW) mit Schwerpunkt auf der Live-Performance ist. Wir erleben in dem Beispielvideo somit eine zeitgemäße Kombination von Soft- und Hardware sowie von verschiedenen Instrumenten, denn neben dem Synthesizer von Roland sehen und hören Sie in dem Video auch noch das Seaboard von dem englischen Unternehmen Roli, auf dem Sie dank dem neuen Musiksoftware-Standard MIDI Polyphonic Expression (MPE) bislang unvorstellbar 5-dimensional spielen und somit auch Effekte auf einer Klaviatur erzeugen können, die bislang nur Sängern, Bläsern und Streichern vorbehalten waren.

Nun reiben Sie sich möglicherweise die Augen. Denn was ich Ihnen in diesem Kapitel vorgestellt habe, ist nicht gerade wenig Maschine. Das ist richtig. Der Unterschied besteht darin, dass uns dieser Einsatz von Technologien völlig neue Zugänge zur Musik sowie ein neues Spektrum an Möglichkeiten innerhalb der Musik öffnet. Damit erweitert hier der Einsatz von Maschine meinen Handlungsspielraum und ermöglicht schnelleren Erfolg. Natürlich nimmt mir ein Pad-Controller etwas ab, aber nur, wenn ich das möchte. Andernfalls kann ich die Sequenzen auch selbst spielen und die Klangmuster live justieren, wie man im Live-Einsatz zum Beispiel bei Cory Henry im folgenden Video sehen und erleben kann.

Und was haben wir jetzt erfahren? Die Klavierindustrie gesteht uns zusätzlich zum Akustikpiano bislang lediglich eine Technologie zu, die die Entfaltung unserer Potenziale eher unterdrückt als unterstützt. Die für die Musik sowie für die Entwicklung unserer Kreativität wirklich reizvollen Erweiterungen des Bestehenden werden nicht einmal in Form des Hybrid-Pianos forciert entwickelt, integriert und vermarktet. Lediglich Kawai und Yamaha haben ein akustisches Hybrid-Piano im Angebot. Kawais Modell kann immerhin schon Samples abspielen, Yamahas Hybridversion ist dagegen immer noch mit General MIDI ausgestattet. An den deutschen Herstellern geht diese Entwicklung und somit die Bemühungen, über die neuen Mehrwerte Kunden zu gewinnen, völlig vorbei. Das Fortschrittlichste ist von Bechstein zu berichten, nämlich die Eigenentwicklung einer Stummschaltung namens Vario aus dem Jahr 2012, 25 Jahre nachdem das Silent Piano von Yamaha eingeführt worden ist. Bei den deutschen Klavierbauern gibt es immer noch kein Next Piano. Man bleibt weiterhin auf dem technischen Stand von 1870 stehen und betreibt das Geschäft nach dem Motto: Mitmachen, solange es noch läuft und auf weitere Wunder hoffen!

Seltsamerweise übersehen vor allem die Hersteller von Akustikpianos das Wunder unmittelbar vor ihren Augen, nämlich einen aktuell regelrecht aufbrechenden neuen Markt mit von Musikern schon lange ersehnten Möglichkeiten bei den Hybrid-Pianos und hier eben den ihnen angestammten Bereich der akustischen Hybrid-Pianos. Alle musiksensiblen Menschen mit dem starken Bedürfnis, ihre Gefühle entsprechend der vielfältigen und komplexen Struktur der Emotionen ausdrücken zu können, werden mangels reichhaltig ausgestatteter akustischer Hybrid-Alternativen zu den rein digitalen Lösungen bzw. den digitalen Hybrid-Pianos gedrängt. Die Tatsache, dass die Hersteller von Akustikpianos aus dem Westen nicht den mittlerweile unübersehbaren Ball der Akustik-Hybrid-Pianos aufgreifen, legt den Verdacht nahe, dass ausgerechnet unsere Klavierbauer den angeblich so hoch gehaltenen Mehrwert des Analogen schon länger nicht mehr ausreichend wertschätzen und sich gleichzeitig selbst keinerlei Entwicklung mehr zutrauen. Was dieser Markt ganz offensichtlich dringend nötig hat, sind externe Kräfte, die die riesigen Lücken im Angebot als Chance verstehen und im Interesse der Musik sowie der musiksensiblen Menschen offensiv ergreifen. Anders formuliert: Die großen Klaviermarken hatten eine großartige Vergangenheit. Dort sind sie hängengeblieben und daher mangelt es Ihnen an Zukunftstauglichkeit. Die neuen Vorbilder sind David Klavins mit dem bereits von mir vorgestellten Una-Corda-Piano, das er nun fit für die Zukunft machen will, wenn er es nicht nur mit Tonabnehmern unter den Saiten, sondern mit einer Midifizierung, der digitalen Schnittstelle zwischen Musikinstrument und Software, Samples und Touchkeys ausstatten will. Hier ist er dem Erfinder Mario Aiwasian mit seinen wunderbaren Alpha-Pianos einen wesentlichen Schritt voraus, nämlich wie man das Piano durch die Ausstattung mit den zeitgemäßen Leistungsmerkmalen in unsere Zeit holt.

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